Sport : Starke Heimatfront

In den USA soll der Sport den Patriotismus der Amerikaner stärken und die Sorgen lindern

Stefan Liwocha

Los Angeles. Das Timing ist schlecht. Ausgerechnet jetzt erlebt Amerika den Höhepunkt der traditionellen „March Madness“. Der „Wahnsinn im März“ ist der spannende Wettstreit der besten College-Basketballer des Landes, die im NCAA-Turnier ihren Meister ermitteln. Sumpfschildkröten spielen gegen Teer-Fersen, Trojaner gegen Bären. Die Hallen sind ausverkauft. Blaskapellen spielen schmissige Rhythmen, Cheerleader tanzen.

Doch das Spektakel ist auch eine Flucht vor der Realität. Als am Wochenende der TV-Sender CBS das Duell Arizona gegen Gonzaga übertrug, wurde das Spiel plötzlich unterbrochen. Der beliebte Nachrichten-Moderator Dan Rather beschrieb schreckliche Bilder: Bomben auf Bagdad, verwundete US-Soldaten. March Madness. Schnitt. Der Fernsehsender schaltete nach knapp zwei Minuten zurück zum College-Basketball. Business as usual. Auf die Tragödie folgen stets jubelnde Sportfans. Die Berichterstattung vom Irak-Krieg sorgt für hohe Quoten, auch wenn echte News selten sind. CBS hingegen verlor im Vergleich zum Vorjahr ein Viertel seiner Basketball-Zuschauer. Die College-Show muss aber weitergehen. Nicht nur, weil CBS für den elfjährigen TV-Vertrag sechs Milliarden Dollar zahlt.

Erst kürzlich hatte Baseball-Commissioner Bud Selig aufgrund der „angespannten Weltlage“ die Saisoneröffnungs-Serie zwischen Oakland und Seattle abgesagt. Doch Seligs Schritt ist die Ausnahme. Die großen amerikanischen Profiligen wie NBA und NHL wollen vorerst keine Spiele absagen. Schließlich stehen die lukrativen Play-offs vor der Tür. Indes verstärkte man die Sicherheitsvorkehrungen in den Arenen und intensivierte das patriotische Vorspiel. Zur live gesungenen Nationalhymne erscheinen Angehörige der Soldaten, die eine riesige US-Flagge in die Höhe halten. Vergangene Woche wurden die TV-Ansprachen von George W. Bush auf den großen Videowürfeln unter der Hallendecke übertragen, die Spiele dafür unterbrochen. Als der mächtigste Mann der Welt den Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak verkündete, jubelten die Zuschauer in Memphis. In Oakland gab es vereinzelte Buhrufe.

Im Gegensatz zu vielen Hollywood-Stars, die für den Frieden demonstrieren und Präsident Bush selbst bei der Oscar-Verleihung verbal attackierten, halten sich die sportlichen Idole mit politischen Aussagen zurück. „Gerade in schwierigen Zeiten muss jeder seine Aufgabe so gut es geht erfüllen“, meint NBA-Superstar Kobe Bryant, „und meine Aufgabe ist es, erstklassiges Entertainment zu bieten“. Für den philosophischen Meistercoach Phil Jackson bieten die NBA-Spiele Gelegenheit, „Sorgen und Probleme zu vergessen. Sport hat manchmal eine große lindernde Wirkung", sagt er.

An der sportlichen Heimatfront hört man neben diplomatischen vornehmlich patriotische Töne. „Mit unseren Herzen sind wir bei den Soldaten“, sagt Basketballer Mark Madsen. Kritik am Irak-Feldzug wurde im Profisport-Lager bislang noch nicht laut. Für Schlagzeilen sorgten lediglich die Basketballerinnen Toni Smith und Deidra Chatman. Sie protestierten gegen den Krieg, indem sie sich beim Abspielen der Nationalhymne von der US-Flagge abwandten.

Die meisten Sportstars gehen wie gewohnt ihren Geschäften nach. Golfstar Tiger Woods gewann am Sonntag zum vierten Mal in Folge in Bay Hill und nahm danach lächelnd ein Schwert als Trophäe entgegen. Und bei den Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften gab es unter den 104 Teilnehmern aus 41 Ländern „keine kriegsbedingten Absagen“. Dennoch wächst die Angst vor Terroranschlägen bei Sportveranstaltungen. Michael Cherkasky, Präsident einer internationalen Risiko-Beratungs-Firma, schreibt im US-Magazin „Sports Illustrated“, dass insbesondere Sportevents in den USA aufgrund ihrer Symbolhaftigkeit zu Terrorzielen werden könnten: „Sport und Amerika sind miteinander verknüpft. Internationale Terroristen verstehen das.“

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