Sport : Starke Sprüche, schöner Schein

London holt auf im Kampf gegen Paris um die Spiele 2012 – und verletzt Gesetze olympischer Höflichkeit

Matthias Thibaut[London]

Die Sache ist ernst. In zwei Flugzeugen reiste die Delegation der Londoner Olympia-Bewerbung nach Singapur. Dort fällt am morgigen Mittwoch voraussichtlich kurz nach 13.30 Uhr MESZ die Entscheidung, wer die Olympischen Sommerspiele 2012 ausrichten darf. Ein möglicher Flugzeugabsturz solle die Bewerbung nicht beeinträchtigen, lautete die in englischen Medien verbreitete Begründung des Bewerbungskomitees. Diese Botschaft aus London soll wohl bedeuten: Wir sind auf alles vorbereitet.

Für Großbritannien steht längst mehr auf dem Spiel als eine sportliche Kandidatur. Denn es geht um ein großes Duell mit dem favorisierten Paris. Premierminister Tony Blair wird bei der Abschlusspräsentation dabei sein, für die Franzosen tritt Staatspräsident Jacques Chirac auf. Der olympische Wettkampf, dem vor dem Hintergrund der EU-Krise sogar politische Bedeutung beigemessen wird, eskalierte am Montag in Singapur. Dort würdigte die Londoner Delegation auf einer Pressekonferenz das Stade de France, Kern der Pariser Pläne, herab. „Das Stadion ist wunderbar für Rugby, doch unglücklicherweise gehört Rugby nicht zum olympischen Programm“, spottete Rod Shead, ein australischer Mitarbeiter der Londoner Bewerbung. Sein Kollege Jim Sloman ergänzte, die Zuschauer hätten dort keine gute Sicht. „Ich ignoriere das“, sagte Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), zu den Anwürfen. Ein Regelverstoß liegt nach Meinung des IOC zwar nicht vor, sagten Beobachter in Singapur, doch ein Verstoß gegen die olympische Höflichkeit schon.

Schon vor mehreren Monaten musste sich Blair von Rogge ermahnen lassen: „Eine Olympiabewerbung gewinnt man mit Substanz, nicht mit Glamour und schönem Schein.“ Lange hatte London versucht, mit Prominenten wie Boris Becker und Nelson Mandela gegen die von der IOC-Evaluierungskommission am besten bewertete Pariser Bewerbung zu glänzen. Zuletzt konnten die Briten aber fachlich aufholen, das bestätigte der Bericht der IOC-Kommission Anfang Juni. Unter Leitung von Lord Sebastian Coe, dem zweifachen Goldmedaillen-Gewinner, hatten die Londoner geschickt an ihrem Gebot gefeilt. Doch in den Londoner Wettbüros stehen die Quoten immer noch leicht zu Gunsten der Franzosen, weil die ihre Infrastruktur für 2012 schon fast fertig haben. In London sehen die Pläne noch viele Neubauten vor – auch für das Olympiastadion.

Auf einem zwei Quadratkilometer großen Gewerbegebiet im Lower Lea Valley soll das Olympiazentrum entstehen. Das etwas heruntergekommene Viertel in Ostlondon und der als Knotenpunkt fungierende Vorort Stratford sollen eine komplett neue Infrastruktur bekommen. Genau dieses langfristige Erbe an Sport- und Freizeiteinrichtungen sowie an Grünflächen soll das IOC beim Besuch beeindruckt haben. Irgendwie ist es London auch gelungen, das IOC davon zu überzeugen, dass die Metropole den Massenansturm von Athleten, Funktionären und Sporttouristen bewältigen kann. London setzt auf kompakte Spiele und kurze Wege für die Athleten.

Im Zentrum der Pläne steht ein 420 Millionen Euro teures neues Olympiastadion für 80 000 Zuschauer. Nach den Olympischen Spielen würde es das „London Olympic Institute“ beherbergen, ein Trainingszentrum mit Sportmedizin und einem Leichtathletikstadion mit 25 000 Plätzen. Auch berühmte Touristenziele würden einbezogen: Beachvolleyball würde auf der Horse Guards Parade stattfinden, Triathlon im Hyde Park, Reiten auf dem Null Meridian in Greenwich Park sowie Fußball im neuen Wembleystadion. „Es wäre ein Goldmoment für die Athleten, wenn London die Spiele bekommt“, sagt Lord Coe. Dennoch, viele Einwohner sind skeptisch. Denn die Nettokosten von 2,7 Milliarden Pfund würden das IOC, die britische Regierung und die Londoner mittels ihrer Gemeindesteuer bezahlen.

„Es ist besser, dass Paris die Spiele bekommt“, schrieb die „Sunday Times“ provokant am Wochenende und verwies auf die hohen Kosten. Vielleicht könnte das IOC nach dem Eklat um das Pariser Stadion auch zu dieser Ansicht kommen.

Bisher haben wir Moskau, New York und Madrid vorgestellt. Morgen: Paris

0 Kommentare

Neuester Kommentar