Sport : Starkes Fundament

EM-Bilanz der deutschen Schwimmerinnen steigert Hoffnungen für Olympia

Frank Bachner[Budapest]

Heute hat sie noch irgendeinen PR-Termin in Hamburg, Details weiß Britta Steffen gerade nicht. „Irgendwelche Menschen wollen mich kennen lernen.“ Aber sie hat jetzt andere Termine im Kopf. „Am nächsten Wochenende ist ein Wettkampf in Hamburg, und dann“ – sie breitet die Handflächen aus, als würde sie Segen von oben empfangen –, „dann geht’s in den Urlaub.“ Ihre Aufgaben sind erfüllt. Zehn Minuten zuvor hätte sie in einem furiosen Finish fast noch die Schlussschwimmerin der englischen Lagenstaffel abgefangen. Am Ende schwamm sie zu Silber, es fehlten ein paar Zentimeter zu Gold. Das aber hatte sie am letzten Tag der Schwimm-EM in Budapest 45 Minuten zuvor gewonnen, mit 24,72 Sekunden stellte sie den deutschen Rekord über 50 Meter Freistil ein.

Vier Titel, drei Weltrekorde, eine Silbermedaille, Britta Steffen ist jetzt das Gesicht des deutschen Schwimmens. Sie war einer der Stars in Budapest. Aber sie ist noch keine Leitfigur wie es Franziska van Almsick oder Hannah Stockbauer waren. Doch Britta Steffen hatte erheblichen Anteil an dem starken Teamgeist der deutschen Schwimmerinnen. Dass Athletinnen aus der bisher zweiten Reihe wie Steffen aber auch Petra Dallmann und Daniela Samulski ihre persönlichen Bestzeiten steigerten, ist nicht bloß wegen ihrer Weltrekorde bedeutsam. Die Zeiten zeigten ihnen auch, zu was sie im Einzelrennen fähig sein können. „Die Mädels steigern sich allein durch die Tatsache, dass sie im Team schwimmen“, sagt Örjan Madsen, der neue Chefcoach.

Die Zeiten und Medaillen stärken die Hoffnungen für die WM 2007 und für Olympia 2008. Sie sind ein starkes Fundament für die weitere Arbeit. Und die geht erst richtig los. „Wer in Peking Gold will, muss auf vielen Strecken Weltrekord schwimmen“, sagt Madsen. Die Chancen, dass die deutschen Frauen in Peking vorne dabei sind, sind gestiegen, keine Frage. Es gibt noch genügend Reserven, die Madsen ausschöpfen kann. Antje Buschschulte holte trotz Trainingsrückstands Bronze über 50 Meter Rücken, Janine Pietsch (Gold über 50 Meter Rücken) hat genügend Zeit, sich auf der olympischen 100-Meter-Rückenstrecke zu steigern, der neue 200-Meter-Freistil-Star Annika Liebs kann noch an ihrem Selbstbewusstsein arbeiten. Und Anne Poleska, Olympiadritte von 2004 und derzeit im Formtief, kommt mit Sicherheit wieder zurück.

„Die Jungs aber“, sagt Madsen, „müssen noch üben.“ Härteres Training, mehr Wettkämpfe, mehr Nervenstärke, das alles verlangt Madsen. Gold über 50 Meter Rücken (Helge Meeuw) blieb die einzige Medaille der Männer. Ein Riesenproblem ist das nicht unbedingt. Erstens ist Meeuw zu schnell nach oben gekommen, als dass er schon Konstanz haben könnte. Dann gibt es durchaus Freistil-Talente (Biedermann, Deibler, di Carli), die zumindest die Staffeln wieder zu Medaillenkandidaten machen könnten. Die Staffeln sollen, laut Plan, in Peking sowieso den sportlichen Kern bilden. Paul Biedermann orientierte sich über 400 Meter Freistil an einem falschen, weil zu langsamen Schwimmer, ein Fehler, den er in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr machen wird. Zudem will auch Thomas Rupprath, der Delphin- und Rückenspezialist, wieder angreifen. Er fehlte bei der EM, weil er die Norm verpasst hatte. Und zumindest für die Lagenstaffel könnte er bedeutsam werden. Er wurde bei der Qualifikation Opfer der neuen, harten nationalen Konkurrenz. Es kommen also neue Schwimmer nach. Sie müssen allerdings noch geformt werden.

Dafür wird Madsen schon sorgen. Sechs jeweils vierwöchige Höhentrainingslager pro Jahr sind vor Olympia geplant, das hat es noch nie gegeben im deutschen Schwimmen.

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