Sport : „Stars sollen sie sein“

Die Schweizer Sportökonomen Dietl und Franck über Schiedsrichter und den Verlust von Integrität

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Herr Dietl, Herr Franck, die FußballBundesliga wird von einem Manipulationsskandal erschüttert. Kann der Verband den entstandenen Imageschaden denn noch begrenzen?

DIETL: Das gelingt nur, wenn der Verband seine Integrität nicht verliert. Wenn doch, verliert er auch seine Wirtschaftskraft. Das Produkt Meisterschaft zerfällt vollständig ohne die Integritätsbedingung. Der Sport muss dieses Problem als Teil seines Geschäfts selbst lösen und dafür die entsprechenden Strukturen und Regeln schaffen. Agieren heißt jetzt auch sanktionieren.

Das heißt, die strafrechtlich relevanten Dinge können außerhalb des Sports geklärt werden, aber das reicht nicht aus, um dem Sport die Integrität zurückzugeben.

FRANCK: So ist es. Und deshalb ist der Versuch des DFB nicht verkehrt, selbst Aufklärung zu betreiben. Bleibt nur die Frage, ob das glaubhaft geschieht.

Was wäre denn eine Lösung?

DIETL: Ich finde Profi-Schiedsrichter wären durchaus ein Ansatz.

FRANCK: Das finde ich auch. Aus meiner Sicht gilt das Argument nicht, dass ein Schiedsrichter nur bis zu einem bestimmten Alter Geld verdienen kann und keinen anderen Beruf mehr hätte, der ihn bis zur Rente ernährt. Warum sollten Schiedsrichter nicht so bezahlt werden wie Spieler. Sie garantieren ja schließlich auch, dass das Spiel in der Regel sauber funktioniert.

DIETL: Schiedsrichter als prominente Stars, das ist doch eine sehr schöne Vorstellung.

Es gibt ja schon Schiedsrichter-Stars, wie den Italiener Collina.

FRANCK: Als Kultfigur gibt es einige, die verdienen auch gutes Geld, aber es ist nicht die Regel. Warum sollten Schiedsrichter nicht auch in finanzieller Hinsicht Stars werden?

Weil der Anreiz zu manipulieren nicht geringer wäre.

DIETL: Das sehe ich anders. Auch hier steht die Integrität im Vordergrund. Ein Halbprofi kann sich schneller zurückziehen in seinen eigentlichen Job, der Anreiz zu manipulieren ist womöglich viel höher. Ein Profi dagegen muss garantieren, dass er in seinem Beruf nicht angezweifelt wird, ohne Ansehen keinen Verdienst.

Nach dem Bundesliga-Skandal von 1971 haben die Fans die Fußball-Stadien gemieden, Einnahmeverluste der Klubs waren die Folge. In der Formel 1 dagegen bestimmt seit Jahren mit Bernie Ecclestone ein Mann das Geschehen, trotzdem leidet die Formel 1 nicht darunter. Warum?

DIETL: Damals wurde gezielt der Ausgang der Spiele manipuliert. Das schreckt die Zuschauer ab. Sie gehen ja gerade deshalb zum Sport, weil sie vorab nicht wissen, wer gewinnt.

FRANCK: Und bei der Formel 1 sehe ich die Entwicklung eher positiv. Ecclestone zog sich als Rollbesitzer zurück, gerade um Interessenkonflikte zu vermeiden. Jetzt interessiert ihn nur der Gesamtkuchen. Er bestimmt mit den Banken zwar die Rennserie, aber er hat kein Interesse an einem einzelnen Team. Er verdient am besten, wenn die Serie integer und spannend bleibt. Spannungserhalt setzt periodische Regeländerungen voraus, um die Rüstungsniveaus der Teams wieder anzugleichen.

Es gibt Sportarten, die im Ruch stehen, von vornherein Absprachen zu treffen. Beim Showcatchen ist es so, beim Boxen besteht eine Grauzone. Trotzdem finden die Fans es spannend. Im Fußball dagegen wäre so etwas nicht möglich, die Fans würden wegbleiben. Was macht den Unterschied aus?

DIETL: Showcatchen ist einfach ein anderes Produkt, es ist Theater, inszeniert. Jeder weiß das, deshalb stört sich niemand daran. Trotzdem scheint Inszenierung nicht immer so gut anzukommen, wie beispielsweise Ligasport. Die Harlem Globetrotters ….

… das legendäre Basketballensemble …

…funktionieren nicht mehr besonders gut. Kein Vergleich zur NBA. Anscheinend sind die Harlem Globetrotters nicht so integer wie der Teamsport in der Liga. Boxen wiederum ist ein völlig anderes Problem. Hier haben zum einen die Veranstalter aufgrund ihrer Verträge mit einzelnen Boxern häufig ein wirtschaftliches Interesse daran, wer gewinnt. Zum anderen lässt sich der Ausgang via Punktrichter auch leichter manipulieren als in anderen Sportarten.

Was kann der Sport lernen von Unternehmen oder der Effizienz ökonomischer Prozesse?

FRANCK: Aus meiner Sicht eher wenig, denn letztlich ist der Sport doch eine sehr besondere Branche. Die Telekom möchte ihre Wettbewerber möglichst schwach sehen. Der FC Bayern dagegen will starke Gegner, sonst hat er kein attraktives Produkt. Diese Abhängigkeit der „Sportproduzenten“ zeigt sich auch im Skandal: Er reißt auch die Unbescholtenen in den Abgrund, denn es genügt ein manipuliertes Spiel, um das ganze Produkt Meisterschaft zu „infizieren“.

Das Gespräch führte Armin Lehmann.

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