Start der Basketball-EM : Balanceakt zur Olympia-Qualifikation

Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft will sich für die Olympischen Spiele 2012 in London qualifizieren. Trotz eines Dirk Nowitzki im Team wird das nicht leicht.

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Dirk Nowitzki (M.) setzt bei der EM in Litauen auf die Unterstützung seiner Mitspieler Robin Benzing (l.) und Chris Kaman.
Dirk Nowitzki (M.) setzt bei der EM in Litauen auf die Unterstützung seiner Mitspieler Robin Benzing (l.) und Chris Kaman.Foto: dpa

Berlin - Dirk Bauermann ist ein begnadeter Tiefstapler. Der Basketball-Bundestrainer versteht es wie kein Zweiter, zu mahnen und zu warnen, sich vor seine Spieler zu stellen, Gegner groß zu machen und Erwartungen klein zu halten. Vor dem heutigen Start der EM ist allerdings Dirk Nowitzki, anerkanntermaßen einer der besten Basketballer der Welt und amtlicher NBA-Champion, in Bauermanns Team zurückgekehrt. Als der Sport-Informations-Dienst vor kurzem eine Umfrage startete, glaubten gar 43 Prozent der Befragten dank Nowitzki an den EM-Titel. Bauermann wirkt ungehalten, wenn er über solche Erwartungen spricht. „Wir müssen als Mannschaft zunächst schauen, dass wir die Vorrunde überstehen“, sagt der 53-Jährige vor dem ersten EM-Auftritt seines Teams gegen Israel am heutigen Mittwoch (20 Uhr, live bei Sport1). „Es ist absolut übertrieben und arrogant, den EM-Titel als ernsthaftes Ziel auszugeben.“

Dirk Bauermann hat zwar mit Nowitzki und Chris Kaman zwei NBA-Profis in der Mannschaft, doch diese Art der Verstärkung aus Übersee ist bei der EM eher die Regel. Nicht nur deshalb sollten die Deutschen heute alles daran setzen, gegen Israel mit einem Sieg in die Gruppe A zu starten – ansonsten könnte das Turnier für die Mannschaft schon bald ein jähes Ende finden. Nach dem Spiel gegen „unorthodoxe und gefährlichen Israelis“, wie Bauermann sagt, folgen „drei Hammerpartien“ gegen Frankreich, Italien und Serbien, ehe es zum Abschluss der Vorrunde am kommenden Montag gegen die Letten geht. „Die haben Heimvorteil“, sagt Bauermann und meint damit, dass der Spielort Siauliai keine 50 Kilometer von der lettischen-litauischen Grenze entfernt liegt. Die deutsche Mannschaft muss die beiden Außenseiter in der Gruppe, Israel und Lettland, sowie einen der drei Mitfavoriten besiegen, um mindestens Dritter zu werden und die Zwischenrunde zu erreichen. Auch dort meint es die Auslosung nicht gut mit Bauermann und seinen Spielern, die wahrscheinlichsten Gegner sind Vize-Weltmeister Türkei, Europameister Spanien und Gastgeber Litauen. „Es wird einfach brutal“, sagt Bauermann und spricht von einer „Mini-Europameisterschaft“, die sein Team in Vor- und Zwischenrunde überstehen muss, „danach dürfen wir mit dem Träumen anfangen“.

Der Traum heißt Olympia. Nur die beiden Finalisten der EM qualifizieren sich direkt für die Sommerspiele 2012 in London, die Plätze drei bis sechs berechtigen zu einer olympischen Hintertür, der Teilnahme an einem Qualifikationsturnier im kommenden Jahr. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die deutsche Mannschaft die richtige Balance finden: Nowitzki und Kaman müssen das Team tragen und viel Einsatzzeit bekommen, ohne dass ihre Mitspieler zu Statisten werden. Wenn der Rest des Teams mit großen Augen auf die beiden Stars blickt und sich aus Ehrfurcht keine eigenen Aktionen zutraut, kann der Segen der NBA-Profis zum Fluch werden. In der Vorbereitung gelang den Deutschen das Zusammenspiel teilweise erstaunlich gut. „Eine Stärke unsere Mannschaft ist, dass wir mit Dirk und Chris zwei sehr dominante Innenspieler haben“, glaubt Philipp Schwethelm, der im letzten Test gegen Mazedonien mit 19 Punkten bester deutscher Werfer war. „Auf die muss sich der Gegner konzentrieren, was für uns Shooter draußen Freiräume schafft.“ Für die jungen Spieler wie den 22 Jahre alten Schwethelm, Lucca Staiger (23), Robin Benzing (22) oder Tibor Pleiß (21) ist es aber nicht leicht, neben ihrem Idol Nowitzki auf dem Feld zu stehen. „Alle müssen den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Bauermann.

Aber auch einige Routiniers müssen sich umstellen. Jan Jagla war in den vergangenen Jahren eine wichtige Stütze in Bauermanns System, zuletzt fand sich der 30-Jährige, der zu emotionalen Ausbrüchen neigt, am Ende der Bank wieder. „Die Situation ist sehr, sehr schwierig für ihn“, gibt Bauermann zu. „Jan war für uns in den letzten zwei Jahren ein unglaublich wichtiger Spieler.“ Auf besondere Teambuilding-Maßnahmen hat der Bundestrainer trotz möglicher Konflikte und der kurzen Integrationszeit von Kaman und Nowitzki verzichtet: „Wir haben gute Jungs, da muss man nicht extra klettern gehen.“ Wenn es um den Charakter seiner Spieler geht, wird Bauermann nun mal schnell vom Tiefstapler zum Optimisten.

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