Start des Istaf in Berlin : Wohin läuft die Leichtathletik?

Die olympische Kernsportart kämpft immer wieder um Aufmerksamkeit. Auch am Sonntag beim Istaf. Fünf Thesen, wie sie es sich in Zukunft leichter machen könnte.

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Hält die Leichtathletik Schritt? Derzeit wird viel über Veränderungen diskutiert, auch das Istaf versucht sich heute im Berliner Olympiastadion daran. Foto: imago
Hält die Leichtathletik Schritt? Derzeit wird viel über Veränderungen diskutiert, auch das Istaf versucht sich heute im Berliner...Foto: imago

Im Anfang war der Schritt. Die Leichtathletik kann von sich behaupten, der Ursport zu sein. Vorläufer für so viele Disziplinen, die nach ihr kamen. Aber was nützt ihr das heute? Laufen läuft zwar bestens, doch wie viele der Millionen Jogger in Deutschland würden sich selbst Leichtathleten nennen? Vor allem im Fernsehen, beim Kampf um Übertragungszeiten, und im Stadion bekommt die Leichtathletik zu spüren, wie sehr sich die Konsumgewohnheiten von Sport verändert haben. Zuletzt blieben bei den Europameisterschaften im leichtathletikfreundlichen Zürich viele Plätze leer, wenn auch befördert durch zu hohe Eintrittspreise. An diesem Sonntag werden nun zum Istaf 48 000 Besucher im Berliner Olympiastadion erwartet.

Das ist eine ganze Menge, wenngleich nur die Veranstalter wissen, wie viele ihre Eintrittskarte wirklich zum vollen Preis gekauft haben. Das Dopingproblem hat der Sportart arg zugesetzt, und das Selbstbewusstsein der Leichtathletik ist hierzulande etwas angeknackst. Dabei steht ihr noch so viel bevor, zum Beispiel 2018 die EM in Berlin. Wie es mit ihr weiterlaufen kann? Fünf Thesen.

Zehnkampf im Kuh-Kostüm
Cooly, das Maskottchen der Leichtathletik-EM in Zürich, zeigte an den ersten Wettkampftagen enorme Sportlichkeit - und könnte auch selbst einen Zehnkampf starten. Erste Disziplin: Hochsprung. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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15.08.2014 15:48Cooly, das Maskottchen der Leichtathletik-EM in Zürich, zeigte an den ersten Wettkampftagen enorme Sportlichkeit - und könnte auch...

Die Leichtathletik muss sich mehr konzentrieren

47 einzelne Wettbewerbe bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften. Die Vielfalt dieser Sportart lässt sich aber schon an all den Körperbildern erkennen, die einem im Stadion begegnen – von klein und zierlich im Langstreckenlauf über lang und schlaksig beim Hochsprung bis hin zu groß und massig beim Kugelstoßen. Doch braucht die Leichtathletik ihre 47 Disziplinen wirklich alle auf einmal? Bei den Meetings wird schon lange eine Auswahl getroffen und es ist kein Zufall, dass es etwa Hammerwerfen kaum noch ins Programm schafft. Hammerwerfen ist kein lebenslanger Begleiter der Leichtathletik, es ist über Wettbewerbe wie die Highland-Games in Schottland dazugekommen. Ähnlich lief es mit dem Kugelstoßen.

Vielleicht lassen sich zeitgemäßere Dinge werfen als ein Hammer, der nicht mal ein richtiger Hammer ist. Speer und Diskus haben etwas weniger Schwierigkeiten, ihre Existenz zu rechtfertigen. Dafür geht es auch hier um die Frage: Müssen im Endkampf wirklich acht von zwölf Teilnehmern sechs Versuche machen? Von ihren 47 Disziplinen könnte die Leichtathletik die besten, lebensnächsten zu olympischen Wettbewerben erklären. Zum Kern des Kernsports.

100 und 400 Meter gehören auf jeden Fall dazu, außerdem die Mittel- und Langstrecke, Hürdenlauf, Hoch- und Weitsprung, auch der Mehrkampf. Zur Diskussion stellen könnte man einige Laufstrecken, bei den 200 Metern angefangen, den Dreisprung, Kugelstoßen und Hammerwerfen. Man darf sie auf keinen Fall abschaffen, sie gehören weiter dazu, könnten aber einfach den erweiterten Kreis bilden, als schrullig-schöne Ergänzung.

Die Leichtathletik muss besser präsentiert werden

Den Zuschauern im Stadion wird viel zugemutet. Sie müssen schon genau aufpassen, um nichts zu verpassen bei mehreren gleichzeitig stattfindenden Wettbewerben. Irgendwo knallt ein Startschuss, fliegt ein Wurfobjekt durch die Luft oder gleich ein Mensch über eine Latte. Doch die Leichtathletik bräche sich keinen Zacken aus der Krone, wenn sie die Zuschauer besser durch ihre Wettbewerbe führen würde. Mit neuen, großen Anzeigetafeln, die Zwischenstände exakt und übersichtlich wiedergeben. Mit mehr animierten Grafiken im Fernsehen, die dem Zuschauer vermitteln, wie viel Dynamik und Kraft in dieser Sportart stecken.

Die Leichtathletik muss verspielter werden

Leistungen in der Leichtathletik sind exakt messbar und vergleichbar. Das ist eine ihrer Stärken und befähigt sie, Grundsportart zu sein, von den Bundesjugendspielen bis zum Deutschen Sportabzeichen. Nach einheitlichen Tabellen werden Urkunden und Abzeichen vergeben. Aber darin liegt auch ein Problem, wie es Olympiasieger Sebastian Coe einmal formuliert hat: „Sie ist kein Spiel. Man sagt nicht zu seinen Kindern: Lass’ uns in den Park gehen und Stabhochsprung machen.“ Im Schulsport ist die Leichtathletik gerade dabei, sich zu verändern, weg vom langen Anstehen in einer Schlange und Sprung in eine nasse Sandgrube, der auch noch für ungültig erklärt wird, wenn der Balken nicht getroffen wird.

Es gibt längst Abenteuersprünge, Zielwerfen, Laufspiele. Damit muss es weitergehen und vielleicht entwickelt sich daraus auch irgendwann einmal eine neue Disziplin. Und noch etwas ist Sebastian Coe, dem Organisationschef der Olympischen Spiele von London 2012, aufgefallen. Junge Menschen wollten Mannschaftssport betreiben. „Deshalb müssen wir uns überlegen, wie wir das Team-Element stärken.“ Mit neuen Staffelwettbewerben sind Anfänge gemacht. Coe könnte selbst zum Wandel beitragen. Er kandidiert 2015 als Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes.

Die Leichtathletik braucht stärkere Veranstaltungen

An diesem Wochenende finden in Berlin zwei grundverschiedene Veranstaltungen statt. Traditionell und neu. Stadion und Marktplatz. Istaf und „Berlin fliegt“ (siehe Seite 20). Bei „Berlin fliegt“ gab es freien Eintritt, eine starke Kulisse, einen zentralen Ort, der fürs Laufpublikum offen war. Und ein verknapptes Format. Solche Veranstaltungen sollen die Anziehungskraft der Sportart erhöhen und die Eintrittsschwelle niedriger machen. Im Stadion findet dann die Leichtathletik für Fortgeschrittene statt wie heute beim Istaf. Beide Formen müssen sich ergänzen. Auch im Stadion muss sich die Leichtathletik weiterentwickeln.

Das versuchen die Veranstalter des Istaf mit neuen Elementen. Bis vor ein paar Jahren war das Istaf allerdings noch Bestandteil einer attraktiven Meeting-Serie, der Golden League. Wer alle vier oder später sechs Wettbewerbe der Serie gewann, bekam Gold aus einem Jackpot. Leicht zu merken. Inzwischen gibt es die Diamond League mit viel mehr Standorten und einem Punktesystem, bei dem keiner den Überblick behält. Typisch Leichtathletik. Offenbar aus Angst um eine Abwertung der Sportart führt der europäische Verband dazu unnötigerweise alle zwei Jahre kontinentale Meisterschaften durch. Auch wenige Monate vor Olympia. So wird das eigene Produkt abgewertet.

Die Leichtathletik darf ihre Seele nicht verkaufen

So viel die Leichtathletik auch verändern kann und sollte – sie darf die Grenze zum Zirkus nicht überschreiten. Sie muss immer noch bei sich bleiben. Sich nicht kleiner machen als sie ist, weil sie so viel Sportgeschichte geschrieben, so viele Persönlichkeiten hervorgebracht hat, so viele besondere Momente bietet. In der Leichtathletik gibt es etwa die Stille vor dem Schuss. Ein andächtiges Schweigen von Tausenden von Zuschauern, ehe die Läufer aus dem Startblock stürzen. Die Leichtathletik ist nichts für Schönspieler und Trainingsweltmeister, sie verlangt höchste Präzision und Regeltreue. Das gehört zu ihrem Charakter. Wer sich darauf einlässt, dem schenkt sie ein faszinierendes Erlebnis aus Athletik und Ästhetik.

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