Sport : Start in Abwesenheit Plumper Betrug blamiert den Schweizer Skiverband

Patrick Bauer

Berlin - Für Pamela Knauth-Behr waren es zwei ganz normale Rennen. Die einstige deutsche Spitzen-Skifahrerin stand am 8. und 9. Dezember 2004 als Technische Delegierte an der Piste des Damen-Slalomrennens in Davos, die jungen Starterinnen der eher unbeachteten Konkurrenz des Internationalen Skiverbands (FIS) rauschten an ihr vorbei. Die Schweizerinnen Marlies Oester und Corina Grünenfelder sah Knauth-Behr an diesem Wochenende in keinem Durchgang. Kein Wunder, schließlich testete Oester zur selben Zeit im italienischen St.Virgil neue Ski, während Grünenfelder sich zu Hause entspannte. Sie war schon Anfang 2004 vom Spitzensport zurückgetreten. Dennoch stieß der Startrichter in Davos für beide das Starttor auf, die Zeit lief. Auf der Rangliste wurde hinter den Schweizerinnen später ein unscheinbares „DNF“ vermerkt – „did not finish“, ausgeschieden also. Wie auch andere, wahrscheinlich kurz nach dem Start. Jedenfalls außerhalb von Pamela Knauth- Behrs Blickfeld. Sie bestätigte das Klassement.

Dass zwei Fahrerinnen in Rennergebnissen auftauchen, ohne am Start gewesen zu sein, das ist nicht nur verwunderlich, es ist ein einmaliger und erschreckend plumper Manipulationsversuch im Alpinen Skibetrieb. Offenbar sollten Oester und Grünenfelder als Phantom- Fahrerinnen dem Schweizer Nachwuchs in Davos zu besseren Ergebnissen verhelfen. Bei Rennen der FIS-Kategorie ist es üblich, erfolgreichere Fahrerinnen einzuladen. Sie werten den Wettbewerb mit ihrem Start auf, ob sie nun das Ziel erreichen oder nicht. Das FIS-Punktesystem ist kompliziert: Je besser das Starterfeld, desto größer die Chance, weniger Penalty-Punkte und damit günstigere Startnummern zu erreichen.

Für den Schweizer Skiverband ist der Betrug von Davos, der durch einen anonymen Brief aufgedeckt wurde, das peinliche Ende einer katastrophalen Saison ohne einen einzigen Weltcup-Sieg und ohne Medaille bei der Ski-WM in Bormio. „Unsere Glaubwürdigkeit geht durch so ein schädigendes Verhalten verloren“, sagt Marc Wälti, der Sprecher des Verbandes. Umgehend wurde der ehemalige Chef der Junioren-Nationalmannschaft, Lars Erik Gulaker, suspendiert. „Ja, ich war’s“, sagt Gulaker, „aber nicht allein, weil man so etwas nicht allein tun kann.“ Damit hat er wohl Recht. In Davos müssen mehrere Beteiligte den dreisten Betrug gedeckt haben. Auch der Startrichter, den bei solchen Wettbewerben der gastgebende Verband und nicht die FIS nominiert, wurde mittlerweile gesperrt.

Der Weltverband forderte von den Schweizern eine lückenlose Aufdeckung und die Bestätigung, dass es sich um einen Einzelfall handelt. Der Alpinchef des Deutschen Skiverbands, Walter Vogl, hält das manipulierte Rennen für „nicht so gravierend“. Er sagt: „Es wurde aufgedeckt und der Schweizer Verband hat das ja nicht initiiert.“ Immerhin, glaubt Walter Vogl, hat der Betrug von Davos auch eine abschreckende Wirkung. „Es stellt sich heraus, dass man dumm sein muss zu glauben, dass so etwas geheim bleibt.“ Und alle Fahrerinnen, die tatsächlich am Start waren und vielleicht gar nichts gegen die kleine Schummelei hatten, weil ihr Punktekonto davon profitierte, könnten sich auch bald wundern, sagt Vogl. Wenn nämlich die Wertung des Rennens annuliert wird.

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