Sport : Statistik und Drama

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Robert Ide über Bayer Leverkusen und den amerikanischen Frauenfußball

Wie kann man Bayer Leverkusen nur trösten? Drei Titel in einem Jahr verspielt und im Champions-League-Finale ein Gegentor bekommen, das in die Geschichte eingeht. Zidanes brillantes Siegtor für Real Madrid wird im Gedächtnis der Fußballfans haften bleiben, Leverkusens Überlegenheit im Finalspiel, ja über die ganze Saison hinweg, nicht. Und dennoch gibt es Hoffnung. „Stars kommen und gehen, aber die Vereine bleiben“, sagt der amerikanische Soziologe Andrei S. Markovits. Aus soziologischer Sicht werden sportliche Teams mit ihren Logos, Fahnen und Geschichten zum Teil der Massenkultur und bilden Identitäten. Und zwar auf Dauer. Einzige Voraussetzung: Über die Mannschaft muss geredet werden an den Werkbänken und Schreibtischen im Lande, es muss Drama geben fürs Herz und sportliche Statistik für den Kopf. Wann hat der Zidane noch mal dieses Tor geschossen?, werden wir in Zukunft fragen. Und: War das nicht das Jahr, als Leverkusen…

Natürlich wird Bayer zunächst einmal wieder zum Outsider des deutschen Fußballs werden. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“, werden die Fans anderer Mannschaften in den Stadien höhnen, und die Zeitungen werden weiterhin von einer Werkself aus der westlichen Provinz berichten. Doch im Abseits muss man nicht für immer stehen. Das sagt zumindest Markovits, und der muss es wissen, schließlich lehrt er in einem Land, in dem die Sportart Fußball insgesamt eine bemitleidenswerte Randerscheinung ist. Und das trotz 19 Millionen registrierter Spieler. Lediglich die Fußballfrauen sorgen in den USA ein wenig für Schlagzeilen. American Football, Baseball, Basketball und Eishockey können sie aber nicht verdrängen. Welcher im Fernsehsessel Chips verzehrende und Sport konsumierende Hobbytrainer will schon Frauenfußball sehen?

Dennoch sind die kickenden Damen in den USA willens, den öffentlichen Raum zu erobern. Mit bunten, provokanten Plakaten machen sie auf sich aufmerksam: „Europa, Asien, Lateirika“, heißt es dort warnend, „verbarrikadiert eure Stadien, schließt eure Pokale weg und besorgt euch Deodorant.“ Darunter ist eine Fußballerin in Siegerpose zu sehen. Sie ballt die Faust zusammen: Achtung, jetzt komm ich. Eine Mentalität, die man vom Frauenfußball vielleicht nicht erwarten würde. Eine Mentalität, die man allerdings auf keinem Fall mit einem Verein wie Bayer Leverkusen verbinden würde.

Wird also Fußball in Amerika eher ein Erfolg, als dass Leverkusen in Deutschland ein ganz normaler Verein wird? Markovits winkt ab. Frauen könnten zwar die sportliche Kultur beeinflussen (die Kür der Eiskunstläuferinnen war in Amerika der olympische Quotenrenner), doch sie werden wohl niemals willens sein, so viel Zeit in Sport und Statistik und Drama zu investieren wie Männer. Erst wenn die US-Männer in ein wichtiges Halbfinale einziehen oder in einem Endspiel heroisch scheitern, werden sie aus dem Abseits herauskommen. Für Leverkusen heißt das: Es ist noch nicht alles verloren. Soziologisch gesehen.

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