Sport : Statt Horrortrip 8556 Punkte

FRANK BACHNER

Frank Busemann hat Zittermomente in Ratingen gemeistertVON FRANK BACHNER RATINGEN.Im Diskusring "zitterte" er, beim Stabhochsprung auch, und vor zwei Wochen hatte er "sogar Horror davor", nach Ratingen, zu den Leichtathletik-Mehrkampfmeisterschaften, der WM-Qualifikation, zu fahren.Und dann endete der vermeintliche Horrortrip für Frank Busemann mit einem Sieg und 8556 Punkten, mehr hatte er nur in Atlanta gesammelt (8706). Phänomenal? Eigentlich, ja eigentlich typisch Busemann.Eine überdurchschnittliche Unberechenbarkeit gehört zu dem 22jährigen wie ein unglaubliches Talent und ein enormer Ehrgeiz.Vor zwei Wochen war er noch mies drauf.Busemann kam gerade aus dem Trainingslager in Lanzarote, und danach, "ich weiß nicht warum", fühlte er sich wieder mal schlecht."Deshalb war ich auch überzeugt davon, daß Paul Meier und Stefan Schmid besser sein werden als ich." Schließlich bewegt sich auch ein Frank Busemann innerhalb normaler Grenzen.Aber da bewegt er sich offenbar mit kaum zu ahnendem Freiraum.Eigentlich schienen bestimmte Leistungen ausgeschlossen.Im Hochsprung kontrollierte er in den letzten zwei Wochen nur einmal den Anlauf, kurz zuvor war er nicht mal 1,80 m geprungen.In Ratingen überquerte Busemann 2,07 m, persönliche Bestleistung.Den Speer warf er seit Atlanta "nur zweimal, mit der falschen Hand".In Ratingen schleuderte er ihn 66,96 m weit, persönlicher Rekord.Er stieß die Kugel so weit wie noch nie (14,18 m), er überquerte mit dem Stab erstmals fünf Meter. Jeder Zehnkampf wird für Busemann zur Zeit zur Entdeckung seiner selbst."Sind Sie nun Medaillenkandidat bei der WM?", wollte einer wissen.Hm, Busemann zuckte mir dem Schultern, "der Kreis der Medaillenkandidaten ist so groß wie nie zuvor", sagte er dann.Sollen ihn doch andere in die Rolle des Medaillenkandidaten schieben, er nimmt sie nur sehr zögerlich an.Da folgt er mehr einem Kalkül als seiner Stimmungslage, aber nur so reduziert er die Erwartungshaltung. Busemann beherrschte ungewollt und erwartungsgemäß die Szene in Ratingen, aber zum Glück nicht so, daß "sein Geheimfavorit" Klaus Isekenmeier nur schemenhaft in seinem Schatten triumphierte.Isekenmeier, Busemanns Jahrgang, ein introvertierter Bauernsohn aus dem Nest Salzkoffen, steigerte seine Bestleistung um 218 Punkte (gesamt: 8310).Er stellte vier persönliche Rekorde auf, und nachdem er erstmalsmit dem Stab fünf Meter überquert hatte, lag eine Sekunde nach seiner Landung sein Trainer Jens Schulze über ihm.Fünf Meter war eine Traummarke, eine Höhe, die der frühere deutsche Stabhochsprung-Meister und Spitzen-Zehnkämpfer Schulze nie erreichte.Isekenmeier hatte 1996 die Europacup-Teilnahme in Lage um vier Punkte verpaßt, jetzt profitierte er von Michael Krohnles Patzern im Stabhochsprung.Stefan Schmid, der beste Speerwerfer, hat in seiner Spezialdisziplin (69,48 m) Boden gutgemacht.Daß ihm der Weltverband IAAF wegen Einnahme des verbotenen Schmerzmittels Develin (mittlerweile erlaubt) nachträglich für drei Monate gesperrt hatte (Oktober bis Dezember 1996), teilte ihm sein Trainer Raimund Fulger erst nach dem 1500-Meter-Lauf mit. Die tragische Figur von Ratingen war Paul Meier (Leverkusen).Mit "Paule"-Rufe honorierten die Zuschauer, daß sich der WM-Dritte von 1993 nach seinem Sturz im Hürdenlauf noch weiter machte.Doch die WM-Qualifikation hatte Meier zu diesem Zeitpunkt schon verpaßt.Er war eine miserable 100-m (11,30)- und eine katastrophale 400-m-Zeit (51,25) gelaufen."Der sieht gut aus, das ist nicht nur Kosmetik", hatte Busemann vor dem Start gesagt.Meiers Nerven sahen weniger gut aus.

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