Stefan Kießling : Ankunft mit Verspätung

Stefan Kießling kam für über fünf Millionen Euro vom 1. FC Nürnberg zu Bayer Leverkusen, wo er endlich seine Form fand. Heute trifft er auf seinen ehemaligen Klub.

Erik Eggers
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Wieder zurück.

Hannover - Stefan Kießling ist nach dem 3:0 in Hannover nicht in Jubel ausgebrochen. Klar hat er sich gefreut über dieses Tor, mit dem er die wichtige 1:0-Führung für Bayer Leverkusen erzielte, doch die Statements des 23-Jährigen fielen eher nüchtern aus: „Wir sind als Mannschaft zusammengewachsen, jeder hilft jedem, wir sind alle gut drauf.“ Seine Zurückhaltung dürfte mit diesem verflixten letzten Jahr zusammenhängen.

Für über fünf Millionen Euro war er im Sommer 2006 gekommen vom 1. FC Nürnberg, wo der Tabellendritte Bayer Leverkusen sich heute im Auswärtsspiel im oberen Tabellendrittel festsetzen will, und man hatte sich wahre Wunderdinge von dem 1,91 Meter großen Stürmer versprochen. Ihn nannte Joachim Löw zuerst, als er im August sein Amt als Bundestrainer antrat und nach hoffnungsvollen Nachwuchsspielern gefragt wurde. Kießling, mit einem gut dotierten Vierjahresvertrag ausgestattet, galt als der kommende Mann. Aber er konnte dieses Versprechen zunächst nicht halten. Es blieb bei einem Länderspiel, beim 0:1 gegen Dänemark, als viele Stammspieler abwesend waren.

In der Bundesliga rackerte er wie schon in Nürnberg, zeigte Einsatz, doch war er in der Vorrunde merklich übermotiviert, oft hektisch. Als er in den ersten Spielen das Tor nicht traf, kroch Verunsicherung in seinen Körper. Überhaupt wirkte Kießling im rechten Mittelfeld, wo ihn Trainer Michael Skibbe zumeist einsetzte, nicht glücklich. Noch in der Vorrunde tauchte es auf, dieses niederschmetternde Wort vom „Fehleinkauf“. In der Rückrunde dann stieg die Form immerhin. Acht Tore verzeichnet Kießling am Ende der Bundesliga-Saison. Zu wenig, auch für seine eigenen Ansprüche.

In dieser Saison ist plötzlich alles anders. Seine Körpersprache ist erfrischend unbeschwert. Als Skibbe am dritten Spieltag gegen Karlsruhe sein 4-2-3-1-System aufgab und Kießling in die Spitze, an die Seite des glücklosen Gekas rückte, löste sich der Knoten in der Leverkusener Offensive. Seit einigen Spielen wird er von den Verantwortlichen mit Lob bedacht. Nach dem 3:1 im Uefa-Cup gegen Leiria lobte Skibbe die Einsatzbereitschaft des Stürmers. „Wenn er sich schon so früh den Ball erkämpft, spart er der ganzen Mannschaft viele Kräfte.“ In Hannover, wo Kießling wieder im rechten Mittelfeld spielte, freute sich Sportdirektor Rudi Völler: „Stefan belohnt sich für seine Arbeit mit diesen Toren.“

Wo liegen die Gründe dafür, dass Kießling aufblüht? „Wir arbeiten viel daran, den großen Ehrgeiz, mit dem er sich Chancen erarbeitet, beim Abschluss zu kanalisieren“, erklärt Skibbe. Der Trainer versucht ihm in Extraschichten nahe zu bringen, dass seine physische Spielweise beim Torschuss zuweilen hinderlich ist. „Nicht immer volles Rohr draufhauen, sondern schauen und gezielt schießen“, empfiehlt Skibbe. Doch das Sondertraining hat Kießling schon in der letzten Saison eingelegt. „Ich mache nichts anders als im letzten Jahr“, versichert er.

Für den stockenden Beginn sieht Kießling mehrere Gründe. Dass die U-21-Mannschaft, deren Kapitän er mit großer Leidenschaft war, sich nicht für die EM und die Olympischen Spiele qualifizierte, sei „ein Faktor“ gewesen, räumt er ein. Dann kam eine Verletzung hinzu. „Junge Spieler durchlaufen im Fußball manchmal diese Phase“, sagt der Mann mit Schuhgröße 48, „sie brauchen einfach Zeit.“ Nun, da diese Zeit vorüber ist, scheint eine womöglich große Laufbahn ihren Anfang zu nehmen. Erik Eggers

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