Stefan Kretschmar : „Meister wird nur Kiel“

Handball-Idol Stefan Kretzschmar hofft darauf, dass die kommende Saison trotz er Dominanz des THW Kiel spannender wird als die vergangene und lobt Füchse-Trainer Sigurdsson im Interview

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Stefan Kretzschmar, 39, spielte 218 Mal für die deutsche Handball-Nationalmannschaft. Inzwischen ist der ehemalige Sportdirektor des SC Magdeburg als Experte für verschiedene Fernsehsender aktiv. Foto: dapd
Stefan Kretzschmar, 39, spielte 218 Mal für die deutsche Handball-Nationalmannschaft. Inzwischen ist der ehemalige Sportdirektor...Foto: dapd

Herr Kretzschmar, an diesem Wochenende beginnt in der Handball-Bundesliga die Saison. Freuen Sie sich auf die neue Spielzeit oder sind Sie noch gelangweilt von der alten?
Letzte Saison war, vorsichtig formuliert, sicher nicht die spannendste. Ende April, Anfang Mai herrschte schon Langeweile, der Meister stand fest, auch Abstiegs- und Europapokalplätze waren relativ schnell vergeben. Trotzdem freue ich mich auf die neue Saison. Die Sommerpause hat für mich eine gefühlte Ewigkeit gedauert, weil die deutschen Handballer ja auch nicht in London dabei waren. Bevor Sie mir die Frage stellen, will ich noch sagen: Meister wird nur der THW Kiel.

Keine gewagte Prognose, der THW hat die letzte Saison mit 68:0 Punkten beendet.

Und dazu den Pokal und die Champions League gewonnen, das verdient allerhöchsten Respekt. Für die Sportart war die Kieler Dominanz dagegen nicht förderlich, darunter hat zum einen die Fernsehquote und zum anderen das grundsätzliche Interesse gelitten. Ich hoffe einfach, dass sich einige Teams von der perfekten Saison der Kieler angestachelt fühlen und mit ein bisschen Wut im Bauch in die nächsten Spiele gehen. Das muss doch ein Ansporn sein, diese vermeintlich Unbesiegbaren mal wieder in die Knie zu zwingen!

An welche Teams denken Sie da?

In erster Linie an den HSV Hamburg. Der Mannschaft war zuletzt anzumerken, dass sie nach dem Meistertitel 2011 satt war – ein klassisches Phänomen in vielen Sportarten nach großen Erfolgen. Das ging im letzten Jahr den Dallas Mavericks in der NBA genauso. Andererseits verfügt der HSV neben dem THW weiter über das beste Spielermaterial. Als weitere Verfolger sehe ich die üblichen Verdächtigen: Flensburg, die Füchse Berlin, die Rhein-Neckar Löwen.

Die Füchse formulieren ihre Ziele im sechsten Bundesliga-Jahr offensiver. Welche Chancen räumen Sie den Berlinern ein?

Die Zeiten, in denen die Konkurrenz die Füchse nicht auf der Rechnung hatte, sind vorbei. Ich bin auch müde zu sagen und zu hören, dass die Füchse ein Überraschungsteam sind. Sie sind ein etablierter Bundesligist, sehr heimstark, nicht wirklich spektakulär, aber unangenehm zu spielen. Manchmal frage ich mich: Wie machen die das eigentlich in Berlin?

Was meinen Sie?

Ohne Zweifel, Berlin hat personell ein gutes Team, das vorn mitspielen kann – aber längst nicht solch überragende Individualisten wie eben Kiel oder Hamburg. Die logische Frage lautet also: Wie kann es sein, dass die Füchse das Champions-League-Halbfinale gegen den THW nur unglücklich mit einem Tor Differenz verloren haben?

Ihre Antwort?

Die Antwort ist der Trainer. Dagur Sigurdsson macht einen überragenden Job, das kann man gar nicht hoch genug bewerten. Er ist so vielseitig, akribisch und kreativ, hat immer einen guten Spielplan. Das ist aus meiner Sicht der Grundstein für die zweite große Stärke der Berliner: Ihre mannschaftliche Geschlossenheit ist einmalig in der Bundesliga, da steht immer eine Mannschaft auf dem Feld, die diesen Namen verdient. Dazu haben sie mit Heinevetter und Stochl das beste Torhüter-Gespann der Liga.

Wo landen die Füchse am Ende der Saison?

Bob Hanning hat den Kader gut geplant, für Alexander Petersson kommt mit Konstantin Igropulo einer, der Handball verstanden hat. Ein guter Ersatz. Börge Lund halte ich ebenfalls für eine exzellente Verpflichtung. Lund kann einer der besten Spielmacher der Bundesliga sein, er ist sehr erfahren, kam zuletzt in Mannheim aber nicht wirklich zum Zug. Ich denke, die Füchse können wieder den dritten Platz und die direkte Champions-League-Qualifikation schaffen. Das wäre ein großer Erfolg.

Das Gespräch führte Christoph Dach.

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