Stefan Schumacher : Doping-Prozess gegen Radprofi beginnt

Radprofi Schumacher trifft heute vor dem Stuttgarter Landgericht auf Ex-Chef Holczer - es geht um Betrug durch Doping. Und eines ist schon jetzt klar: Einer von beiden lügt.

Jürgen Löhle
Vor dem Stuttgarter Landgericht beginnt heute der Prozess gegen den Radprofi Stefan Schumacher.
Vor dem Stuttgarter Landgericht beginnt heute der Prozess gegen den Radprofi Stefan Schumacher.Foto: dpa

Ein Verfahren wie dieses hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Vor dem Stuttgarter Landgericht beginnt heute der Prozess gegen den Radprofi Stefan Schumacher. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 31-jährigen Schwaben Betrug durch Doping vor. Betrug meint dabei nicht das Hintergehen von Gegnern und Fans durch die Einnahme verbotener Schnellmacher, sondern Betrug am Arbeitgeber, der seine Gehaltszahlungen an die Bedingung knüpft, dass der Job dopingfrei erledigt wird. Sollte Schumacher verurteilt werden, gäbe es die Präzedenz, dass ein dopender Profiathlet nicht nur von Sportgerichten gesperrt wird, sondern auch Strafkammern als Vorbestrafter verlassen und im schlimmsten Fall im Gefängnis landen kann.

Die Ermittlungen der Stuttgarter Staatsanwaltschaft begannen, nachdem Schumacher während der Tour de France 2008 positiv auf das Epo-Präparat Cera getestet worden war und von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) angezeigt wurde. Im Frühjahr 2009 wurde er in einem Sportgerichtsverfahren für zwei Jahre gesperrt. Parallel dazu verlangte die Staatsanwaltschaft bei Hans-Michael Holczer Einblick in Schumachers Arbeitsvertrag. Holczer war nicht nur Manager des Teams Gerolsteiner, sondern über die „Holczer Radsport Marketing GmbH“ Schumachers Arbeitgeber. Im August 2010 wurde er nach eigener Auskunft „mehr als neun Stunden vernommen“.

Am Ende war die Staatsanwaltschaft davon überzeugt, dass Schumacher sich etwa 150 000 Euro an Gehalt betrügerisch erschlichen hat, weil er mehrfach gegenüber Holczer versichert hatte, niemals mit Cera gedopt zu haben. Es geht also jetzt darum, ob sich der Athlet durch das Abstreiten des Betrugs schuldig gemacht hat. Die Staatsanwaltschaft sieht das so, eine Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts war zunächst skeptisch und ließ die Klage nicht zu. Erst das Oberlandesgericht tat dies, verhandelt wird jetzt vor einer anderen Strafkammer des Landgerichts. Schumacher selbst wähnt sich unschuldig. Vor einigen Tagen gestand er zwar im „Spiegel“ jahrelanges Doping, betrogen habe er seinen Arbeitgeber damit aber nicht, denn der soll Bescheid gewusst haben. Schumacher: „Der (Holczer) hat schon mitbekommen, was um ihn herum passiert ist.“

Hans-Michael Holczer war nicht nur Manager des Teams Gerolsteiner, sondern über die „Holczer Radsport Marketing GmbH“ Schumachers Arbeitgeber.
Hans-Michael Holczer war nicht nur Manager des Teams Gerolsteiner, sondern über die „Holczer Radsport Marketing GmbH“ Schumachers...Foto: dpa

Diese Mitwisserschaft will Schumacher mit seinem Anwalt Michael Lehner beweisen. „Ein Ziel kann die Einstellung des Verfahrens sein“, erklärt Lehner. Aber nicht um jeden Preis. Man werde zumindest keine Geldstrafe akzeptieren. Als Zeugen für Holczers Mitwisserschaft will Lehner den Exprofi Bernhard Kohl und den Teamarzt Mark Schmidt präsentieren. Lehner ist sich sicher, an Holczers „Heiligenschein“ kratzen zu können.

Damit rückt der Mann in den Fokus, der als Manager des Teams Gerolsteiner eine Frontfigur im Kampf gegen Doping war. Holczer geißelte jahrelang mit Hingabe jede Manipulation, kämpfte für die Einführung des Blutpasses und war Mitgründer der „Vereinigung für einen glaubwürdigen Radsport“. Holczer betonte dabei immer wieder, dass es ihm bei diesem Kampf neben Fairness, Gesundheit und Moral auch um die ökonomische Seite ginge. Doping, so sein Credo, entziehe dem Sport systematisch Sponsoren und damit die Basis. So kam es ja dann auch. Beim Prozess in Stuttgart steht also auch Holczers Eigenimage als Saubermann auf dem Spiel. Der 59 Jahre alte Mathematiklehrer arbeitet jetzt als Berater des russischen Teams Katjuscha und gibt sich gelassen. „Ich habe vor nichts und niemandem Angst“, sagt er. Und es ist ihm wichtig zu sagen, dass nicht er, sondern die Nada Schumacher angezeigt habe. Holczers Arbeitsgerichtsprozess gegen Schumacher ist schon Geschichte und endete 2010 mit einem Vergleich. Schumacher akzeptierte die Kündigung, Holczer zahlte ihm im Gegenzug einen Steuereinbehalt aus.

Heute beginnt nun also einer der spannendsten Prozesse der deutschen Sportgeschichte. Und es geht auch um die Frage, wer in diesem Fall gelogen hat. Am Ende könnte ein vorbestrafter Stefan Schumacher stehen oder ein als falscher Anti-Doping-Kämpfer enttarnter Hans-Michael Holczer.

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