• Stefan Wessels erlebt einen filmreifen Aufstieg von der Nummer vier zur Nummer eins in ein paar Minuten

Sport : Stefan Wessels erlebt einen filmreifen Aufstieg von der Nummer vier zur Nummer eins in ein paar Minuten

Detlef Dresslein

Jetzt also Stefan Wessels. Lebensläufe, die sich innerhalb von knapp sieben Minuten ändern, gibt es gewöhnlich nur im Film. Stefan Wessels muss sich wie in einem solchen vorkommen, seit Sonnabend, kurz nach neun Uhr. Binnen weniger Minuten wurden gleich zwei Torhüter des FC Bayern München zu Invaliden auf Zeit: Nach 54 Minuten verschaffte Bayern-Verteidiger Samuel Kuffour dem ersten, Oliver Kahn, eine Gehirnerschütterung, nach 61 Minuten verdrehte sich der zweite, Bernd Dreher, das Knie. Den dritten, Sven Scheuer, plagt schon seit Monaten ein Bandscheibenvorfall.

Jetzt also Stefan Wessels. Von der Nummer vier zur Nummer eins in ein paar Minuten. Um 23.03 Uhr am Sonnabend hat die Boulevardpresse recherchiert, klingelte Co-Trainer Michael Henke bei ihm und teilte ihm mit, er solle sofort nach München kommen. Wessels war nämlich zu Hause im Emsland und guckte sich das Ganze im Fernsehen an. Eigentlich sollte er am Sonntag nach Oman reisen, für ein Turnier mit der "U 21". Seit einem Jahr spielt Stefan Wessels für die Bayern-Amateure in der Regionalliga, meist mit sehr guten Beurteilungen. Was natürlich etwas anderes ist als Champions League vor über 50 000 tobenden Schotten im legendären Ibrox-Park zu Glasgow - das steht ihm heute Abend bevor.

Am Sonntagmorgen erwartete ihn bereits ein kleiner Aperitif in Form der geballten medialen Aufmerksamkeit. Verschwitzt und verlegen stand er da, ein Netz mit Bällen über der Schulter und sagte Sätze wie: "Natürlich ist es mein Traum, Profifußballer zu werden." Das klang wie bei einer Umfrage auf dem Schulhof. In größter Hektik wurden einige Fakten über den 20 Jahre alten Jugendnationaltorwart zusammengerafft. Vom TuS Lingen kam er nach München, studiert nebenher Wirtschaftswissenschaften und lebt mit Freundin in Unterhaching.

Ottmar Hitzfeld gab sich gelassen. "Ich bin sehr optimistisch. Er ist ein Torwart und soll Bälle halten, zu viele Ratschläge bringen da gar nichts. Ich glaube, dass er über sich hinauswachsen kann", sagte der Bayern-Cheftrainer, und es klang nicht wie eine Negierung des Faktischen. In der Tat ist Wessels kein Freizeitkicker, hat schon internationale Erfahrung und stand während Kahns Verletzung ständig im Profi-Kader. Seine neuen Mitspieler wissen, was er kann. Michael Tarnat, Gelegenheitskeeper der Bayern, versichert: "Da mache ich mir gar keine Gedanken, dass das schiefgehen könnte."

Auch sein eigentlicher Vorgesetzter, Udo Bassemir, der Trainer der Bayern-Amateure, vertraut Wessels. "Der packt das", meint Bassemir, und beschreibt ihn als "ruhigen Typ, der vor allem auf der Linie gut ist."

Jetzt also Stefan Wessels. Trotz der vermeintlichen Schwäche auf einer der wichtigsten Positionen hat sich bei den Bayern großer Optimismus breitgemacht. Sie haben ein quasi verlorenes Spiel nach diesen Rückschlägen mit einem Feldspieler im Tor noch gewonnen. Aus allen Ecken des Fußball-Landes schlägt ihnen plötzlich Bewunderung entgegen. "Bayern is back", frohlockte Hoeneß vor der Reise nach Glasgow.

Die etatmäßige Nummer fünf und heutige Nummer zwei im Tor der Bayern heißt übrigens Matthias Küfner und ist 18 Jahre alt. Er sagt: "Das ist der Wahnsinn. Und ich weiß, es kann alles passieren." Da muss man ihm seit Sonnabend kurz nach neun Uhr, wohl zustimmen. Uneingeschränkt.Hallo Sunny, war hier, komme noch einmal später.

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