Steffi Nerius : Bloß nicht aufwachen!

Speerwerferin Steffi Nerius feiert ihren Weltmeistertitel ausgelassen – und tritt mit Lockerheit ab.

Frank Bachner
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Hey, das hebt ab. Schon im ersten Versuch schleuderte Steffi Neriusddp

Um 6.30 Uhr schlich sich Steffi Nerius ins Zimmer. Eigentlich hatte sie Franka Dietzsch ja versprochen, dass sie nicht vor sieben Uhr auftaucht. Die Diskus-Weltmeisterin sollte ruhig schlafen können, sie sollte nicht unruhig daran denken müssen, wann denn ihre Zimmergenossin mal auftauchen würde. Und, vor allem: in welchem Zustand? So einen WM-Titel, den feiert man ja nun auch ein bisschen.

Steffi Nerius feierte mit 15 Freunden und Familienmitgliedern in einem Lokal der Hackeschen Höfe. Da durften sie rein. In eine Disco nicht. Der Türsteher hatte zwar erkannt, dass da die Speerwerferin vor ihm stand, die drei Stunden zuvor mit Tränen in den Augen ihr Gold gefeiert hatte, aber der ganze Schwarm, der sich um die Weltmeisterin gruppierte, der war ihm denn doch zu groß.

Um neun Uhr verkündete Nerius, dass sie „immer noch nicht richtig aufgewacht ist“. Sie steckte wieder mitten in ihrem „Kindheitstraum“: die Nationalhymne hören, einmal die Hymne auf dem Podest hören. Der hatte sie zwar 2006 schon gelauscht, als Europameisterin damals, aber das hier, das war etwas anderes. „Das war der Wettkampf meines Lebens.“

Vor zwei Jahren hatte Nerius noch an Bronze gedacht. Aber vor einer Woche, da sah sie ihren Trainer lange an und platzte schließlich heraus: „Weißt du was, ich werfe jetzt um Gold, Punkt.“ Ja, erwiderte Helge Zöllkau, „so machen wir es“.

Sie warf 67,30 Meter, gleich im ersten Versuch. Das war klare Regieanweisung. „Schocken“ sollte der erste Versuch. Der Rest war Zufall, Glück und Tagesform. Die vielen Unterbrechungen durch andere Wettkämpfe nervten alle Werferinnen. Sie alle kamen deshalb nicht auf große Weiten. Aber Nerius hatte ja schon vorgelegt, sie musste nur warten. „Uns haben die Unterbrechungen genützt“, sagt Zöllkau grinsend.

Aber vielleicht war das einfach auch nur gerecht, vielleicht hatte Nerius das einfach verdient. Sie ist jetzt 37, ihr sportliches Leben war immer eine emotionale Achterbahnfahrt. Vor einer Woche noch hatte sie geheult vor Schmerzen und Wut. Ein Hexenschuss hätte fast ihren WM-Start verhindert, sie war der Panik nahe. Es sollte doch ihr letzter großer Auftritt auf der internationalen Bühne werden. Noch drei Wettkämpfe, so war der Plan, dann verwandelt sich die Speerwerferin Nerius in die hauptamtliche Trainerin Nerius, die in Leverkusen behinderte Sportler betreut.

Und dann drohte so eine Absage. Das hätte zu anderen Momenten gepasst. 2001 hatte sie solche Schmerzen im Ellenbogen, dass sie weinend sagte: „Wenn das nicht aufhört, beende ich meine Laufbahn.“ Und dann dieses Theater mit den neuen Speeren. Der Schwerpunkt wurde verlagert, damit sie nicht mehr gefährlich weit fliegen. Nerius konnte ewig lange nicht damit umgehen.

Aber sie war immer auch die Frau, die punktgenau in Form war. Sie holte Bronze bei drei Weltmeisterschaften, sie gewann Silber bei den Olympischen Spielen 2004, bei der EM 2002 und Gold bei der EM 2006. Aber der Mensch Nerius ist nie hinter der Sportlerin Nerius verschwunden. Sie ließ sich nie von den Gedanken an Erfolge, Prämien und Sponsoren vereinnahmen. Steffi Nerius arbeitete halbtags mit Dialysepatienten, sie studierte Sport, betreut seit 2002 eine Trainingsgruppe mit Behindertensportlern, sie braucht diesen Abstand zu dem Leben, das eine Weltklasse-Athletin oft genug führt.

Deshalb hatte ihre Abschiedstournee auch immer etwas Spielerisch-Lockeres. Dieses Verbissene fehlte, dieser verkrampfte Blick auf den unausweichlich letzten Wettkampf. Steffi Nerius sagte ständig, wie sehr sie dieses letzte Jahr genießen wolle. Das allein beweist natürlich gar nichts, es ist ja bloß ein Spruch. Den Beweis liefert ihr Körper. Helge Zöllkau bestätigt, dass Nerius persönliche Bestwerte im Kraftraum und beim Werfen im Training hatte. Drei Jahre hatte sie Probleme mit ihrer Patellasehne, in diesem Jahr spürte sie nichts. „Mein Körper signalisierte, dass er dieses eine Jahr noch durchhält“, sagt Nerius.

Am 6. September, beim Meeting in Elztal, wird sie ihren Abschied geben. Sie darf dazu prominente Sportler einladen, Speerwurf-Größen von früher. Silke Renk, die Olympiasiegerin von 1996, wird kommen, Tanja Damaske, die Europameisterin von 1998, auch. Es wird eine sehr gefühlige Angelegenheit.

Der persönliche Abschied von ihrem Trainer auch. Gut, sie wird ab 1. Oktober im gleichen Büro wie Zöllkau arbeiten, sie trennen sich nicht wirklich, aber da ist sie ja dann schon Trainerin. Abschied nimmt die Sportlerin Nerius, ein sehr persönlicher Abschied. 60 000 Dollar erhält sie für ihren WM-Titel, 15 000 davon zweigt sie ab. Davon kauft sie eine Harley Davidson. Als Geschenk für Zöllkau.

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