Sport : Stehen lernen

Boxer Wladimir Klitschko entschuldigt sich bei seinem alten Trainer Sdunek und sucht die Nähe zum Bruder

Michael Rosentritt

Berlin. Die Tränen der Nacht von Las Vegas sind getrocknet. Nach der schweren K.-o.-Niederlage in Las Vegas und einem dreistündigen Krankenhausaufenthalt ist Wladimir Klitschko nach Los Angeles zurückgekehrt, seiner dritten Wahlheimat nach Kiew und Hamburg. Dort wohnt er in der Apartment-Anlage „Marina del Rey“ zusammen mit seinem Bruder Witali und dessen Trainer Fritz Sdunek. Witali besitzt zwar eine eigene Wohnung in Beverly Hills, wo seine Frau Natalie und die beiden gemeinsamen Kinder leben, doch auch Witali hat sich auf einen WM-Kampf vorzubereiten: am 24. April in Los Angeles gegen Corrie Sanders.

Wladimir habe sehr wohl realisiert, was mit ihm in der Nacht zum Sonntag passiert ist, erzählt einer aus seinem näheren Umfeld dem Tagesspiegel, verarbeitet aber hat er die Niederlage noch nicht. Momentan sucht er stärker denn je die Nähe zu den Menschen, denen er bedingungslos vertrauen kann; vor allem zu seinem älteren Bruder Witali. Nach dem Kampf in Las Vegas hatte dieser seinen geschlagenen Bruder in die Kabine begleitet. Dort weinten beide zusammen. Als Erster fing sich der große Bruder wieder. Vielleicht hat diese Niederlage ja etwas Gutes, soll Witali seinem Bruder gesagt haben. Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Wladimir endlich die richtigen Schlüsse aus der deutlichen Niederlage zieht. Der erste folgte spontan: Noch bevor er zu einer dreistündigen Untersuchung ins Desert Spring Hospital gefahren wurde, entschuldigte sich Wladimir bei seinem ehemaligen Trainer Fritz Sdunek, den er in der Vorbereitung auf den WM-Kampf hektisch gegen den Amerikaner Emanuel Steward ausgetauscht hatte. „Fritz, es tut mir Leid“, hatte Wladimir zu Sdunek gesagt. Dieser nickte nur. Sehr wahrscheinlich ist damit die Zusammenarbeit mit Steward beendet.

Sdunek kümmert sich derzeit um Witali Klitschko, der über die jüngsten Pläne und Entscheidungen seines Bruders nicht besonders glücklich war. In eineinhalb Wochen bestreitet Witali seinen WM-Kampf gegen Sanders. Der Südafrikaner war es, der Wladimir vor einem Jahr k.o. schlug und den WM-Titel abnahm. Diese Schmach will der große Bruder jetzt tilgen. Nach der Niederlage seines Bruders am vergangenen Samstag gegen Lamon Brewster ist die psychologische Last enorm gewachsen. Es besteht jetzt die Gefahr, dass der Name Klitschko nur mit Niederlagen verbunden bleibt, dabei galten beide einmal als unschlagbar.

Wladimir Klitschko hat im Spielerparadies Las Vegas eine große Karrierechance vergeben. Er galt als der Kronprinz des Schwergewichts, der die Szene in den kommenden Jahren hätte beherrschen sollen. Jetzt stellt sich die Frage, ob er überhaupt noch eine Chance erhält. Viele hatten ihm nach dem zweiten schweren Knockout zum Aufhören geraten. Der einzige Satz, den er der Öffentlichkeit am Tag danach übermitteln ließ, war, dass er mit so einem Kampf „meine Karriere definitiv nicht beenden werde“. Nur, wie und wann – und vor allem mit wem will er einen erneuten Anlauf starten?

Nach der Niederlage von Hannover hatte er sich zurückgezogen und fuhr zu Witalis Familie nach Los Angeles. Wladimir ist seit längerer Zeit wieder solo. Damals wollte er an der Seite Witalis bleiben, der sich gerade auf den WM-Kampf gegen den Briten Lennox Lewis vorbereitete. In den Folgemonaten boxte Wladimir zweimal erfolgreich. Allerdings waren seine Gegner nicht gerade erste Wahl. Die schnellen Erfolge gegen Moli und Nicholson brachten ihn nicht weiter.

Im Kampf gegen Brewster wurde deutlich, wie tief sich die erste schwere K.-o.-Niederlage in sein Unterbewusstsein eingegraben hatte. Dieses Mal wird die Pause sehr viel länger dauern müssen. Vor allem wird er sich selbst einige unangenehme Fragen stellen müssen, und er wird sein Umfeld genauestens sortieren müssen. Die Entscheidung, sich einen Startrainer an die Seite zu holen, war letztlich falsch. Steward tönte in den Tagen der Vorbereitung davon, ihm einen linken Haken beigebracht zu haben, dem niemand standhält. Davon war nichts zu sehen. Genauso wenig konnte er sich auf die Ansprache Stewards in den Ringpausen verlassen. Nach der vierten Runde sprach der Amerikaner von einem wundervollen Kampf, den Wladimir führe. „Jetzt haben wir Brewster da, wo wir ihn haben wollten“, sagte Steward und merkte nicht, dass sein Schützling stehend k.o. war.

Die Sache mit dem Trainertausch hatte sich Wladimir Klitschko nicht allein ausgedacht. Angeblich hat Sport Five, der Vermarktungspartner der Klitschkos, ein Wörtchen mitgesprochen. Die Sportrechteagentur hatte die Klitschkos 2001 unter Vertrag genommen und Werbeverträge mit „Milchschnitte“ und „Tempo“ organisiert. Vor allem der jüngere und elegantere Wladimir sollte einen schönen Betrag einbringen. Auch deshalb wollte Sport Five den smarten Klitschko mit aller Macht in den USA positionieren. Am Samstag saß eine Delegation von Sport Five am Ring. „Diese Leute haben das eigentliche Geschäft aus den Augen verloren“, sagt ein Insider der Branche. „Das Geschäft der Klitschkos ist Boxen.“

Vielleicht kursieren auch deshalb immer noch Gerüchte, wonach bei der Niederlage nicht alles glatt gelaufen sein soll. Von überhöhten Blutzuckerwerten ist die Rede. Doch weder die Untersuchungen Wladimirs lange vor dem Kampf noch die Untersuchung am Donnerstag ließen derartige Schlüsse zu. Und schließlich wurde Wladimir Klitschko nach dem K.o. ohne Beanstandungen aus dem Desert Spring Hospital entlassen.

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