Sport : Stehender Protest

Selbst der 3:2-Sieg über Stuttgart festigt die Position von HSV-Trainer Jara nicht

NAME

Von Karsten Doneck

Hamburg. Manchmal muss man seinen Forderungen auch durch eine angemessene Körperhaltung Nachdruck verleihen. Im Sitzen den Protest kundzutun, das erschien den Leuten in der Hamburger AOL-Arena an diesem Nachmittag wohl zu mild, zu nachsichtig. Also erhoben sich die Zuschauer auf den mittleren Rängen der Nordtribüne von ihren Sitzplätzen und brüllten Mitte der zweiten Hälfte stehend, die Fäuste meist drohend gen Himmel gereckt: „Jara raus!“ Ein Hamburger, der im unteren Preissegment schon 18 Euro für eine Eintrittskarte zahlt, vertritt halt die Ansicht, damit auch gleich das Recht zur Mitbestimmung in der Trainerfrage erworben zu haben. Jara raus? Der Hamburger SV überhört diese Rufe geflissentlich. Noch kann der Verein das tun. Aber selbst der 3:2-Sieg am Samstag über den VfB Stuttgart lässt die Frage offen, ob der HSV unter seinem 20. Trainer im 39-jährigen Bundesligadasein überhaupt irgendwann noch einmal den dringend nötigen Auftrieb bekommt.

Am 4. Oktober, einen Tag vor dem nächsten Auswärtsspiel beim FC Schalke 04, jährt sich der Tag, an dem Kurt Jara Angestellter beim HSV wurde. Fortschritte unter ihm? Keine. Ohne Herz, ohne Witz, ohne Harmonie kickt die Mannschaft drauflos und spart damit alle Elemente aus, die Fußball gewöhnlich prickelnd und unterhaltsam machen. Auf diese Weise verprellt der HSV seine treue, bisher ja noch recht geduldige und verständnisvolle Kundschaft. „Die Stimmung stand in der zweiten Halbzeit auf der Kippe“, sagte Sportchef Dietmar Beiersdorfer. „Aufhören, aufhören“, forderte zu diesem Zeitpunkt das Publikum. Und ein vielstimmiger Chor sang: „Wir wollen unser Geld zurück“, und später: „Wir wollen Fußball sehn“.

Noch ignoriert der HSV Volkes Stimme. „Mir ist kein Stein, mir sind ganze Berge vom Herzen gefallen“, sagte Teammanager Bernd Wehmeyer, nachdem Bernardo Romeo mit seinem vierten Saisontor vier Minuten vor Schluss den Sieg gegen Stuttgart doch noch perfekt gemacht hatte. Die drei Punkte verschaffen dem HSV etwas Luft. Präsident Werner Hackmann konnte jedenfalls hinterher – unwidersprochen – sagen: „Wir stehen zu unserem Trainer, hundertprozentig.“

Wie lange noch? Dem HSV müssen ja die Zuschauer davonlaufen bei ähnlich desolaten Darbietungen wie nach der Pause gegen Stuttgart. Dabei hatte der Verein in der vorigen Saison trotz sportlichen Mittelmaßes noch die viertbeste Kulisse aller Bundesligisten. 43 738 Besucher kamen im Schnitt, in dieser Saison sind es bislang sogar 46 050.

„Die Mannschaft hat in der zweiten Halbzeit immer mehr den Faden verloren“, sagte Wehmeyer. Auch vorher gab es keinen Bilderbuchfußball, die Partie lebte allein von der raschen Torfolge. Bei den Treffern legten freilich die Abwehrspieler beider Seiten ein Verhalten an den Tag, für das man wohl nur in Sigmund Freuds Traumdeutungen eine Erklärung findet. Der HSV hat nun einen seltsamen Rhythmus gefunden: Auswärts wird regelmäßig verloren, im folgenden Heimspiel steht die Elf dann unter dem Druck, gewinnen zu müssen, um in der Tabelle nicht zu weit abzugleiten, die Spieler verkrampfen, das Resultat: Stolperfußball – wie zeitweise gegen Stuttgart. Jara sucht krampfhaft nach Auswegen. „Wir müssen endlich mal in den Auswärtsspielen nachlegen“, sagt er. Torjäger Sergej Barbarez rät deshalb zur Änderung der Taktik. „Vielleicht sollten wir gegen Schalke mit elf Defensiven antreten.“ Den Einwand, dass er selbst dann nicht aufgestellt werde, kontert Barbarez: „Egal. Hauptsache, wir punkten auswärts endlich mal.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben