STEIL Pass : Als der Fußball noch Fußball war

Stefan Hermanns über Phänomene im Stadion, die niemand braucht - und die Sehnsucht nach Bier und Bratwurst.

Stefan Hermanns

Morgen Abend um acht soll in Deutschland überall das Licht ausgehen. Seit einigen Wochen schon ruft die „Bild“-Zeitung zu diesem symbolischen Akt für den Klimaschutz auf, und eine solche Aktion bringt einen natürlich auf die Idee, für welche gute Sache man selbst seinen bescheidenen publizistischen Einfluss geltend machen würde. Wenn ich dürfte, würde ich dazu aufrufen, alle geldlosen Zahlungsmittel in Fußballstadien zu boykottieren, alle ArenaCards oder Knappen oder wie die Zwangsenteignungssysteme auch immer heißen. Ich schwöre, nie, nie, nie habe ich eine solche Karte erworben; lieber habe ich im Stadion Hunger und Durst gelitten. Vor allem aber habe ich noch nie jemanden gesprochen, der diese Erfindung für irgendwie segensreich gehalten hätte. Das macht die Sache theoretisch ganz einfach. Wenn alle Stadionbesucher meinem Beispiel folgen und nicht mehr geldlos konsumieren, erledigt sich der Quatsch ganz schnell von selbst.

Auf meiner persönlichen Liste aller verabscheuungswürdigen Phänomene des modernen und durchkommerzialisierten Fußballs liegen diese Zahlungssysteme an erster Stelle. Aber die Liste des Grauens ist lang. Ein Kollege vom „Kicker“, gerade Anfang 30, flehte kurz vor dem Länderspiel Deutschland gegen Zypern beim Anblick des sich versammelnden Eventpublikums: „Ich will meinen Fußball zurück.“

Sein und mein Fußball, der roch nach Bier und Bratwurst, weil die mit Bargeld zu erwerbenden Bratwürste noch vom Holzkohlengrill kamen und nicht von Bratwurstzubereitungsmaschinen. Bei den Stadionsprechern handelte es sich um Sprecher, nicht um Schreier. Fußballschuhe waren schwarz, nichts sonst; ohnehin erschöpfte sich das Thema Mode für Fußballer in der Frage: Oberlippenbart, ja oder nein? Die Spieler trugen Trikots von 1 bis 11, nicht irgendwelche Fantasienummern auf dem Rücken. 69, 77 oder 99 – das war nun mal Basketball. Die Fankurve brauchte keinen Muezzin mit Megaphon, um sich Gehör zu verschaffen, und niemand vermisste diese grenzdebilen Plüschtiere, die als Maskottchen schon aus Kindern Kunden machen sollen. Es ging damals einfach um Fußball. Was soll daran eigentlich schlecht sein?

Stefan Hermanns schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit „11 Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster.

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