STEIL Pass : Das Publikum ist eine Hure

Seit einiger Zeit erleben wir einen neuen Modetrend an der Seitenlinie: Die Trainer tragen jetzt Produkte aus dem eigenen Fanshop. Stefan Hermanns über die Anbiederung von Trainern an ihre Anhänger.

Ich weiß nicht, wie ungemütlich es am Sonntag im Weserstadion war, im Fernsehen sah es ziemlich ungemütlich aus. Ein paar Schneeflocken waren zu erkennen, und vermutlich pfiff wie immer ein schneidiger Wind durch die Arena. Michael Frontzeck, der Trainer von Arminia Bielefeld, hatte sein Outfit den schwierigen klimatischen Gegebenheiten in Bremen angepasst: Er trug eine Mütze auf dem Kopf und einen Arminia-Fanschal um den Hals.

Die Kleidung von Fußballtrainern ist seit jeher ein beliebtes Thema: Udo Lattek musste sich einst gegen Reinhold Beckmann mehr für seine alberne Baseballkappe verteidigen als für Schalkes Niederlage gegen Wattenscheid, und als Huub Stevens aus dem derben Kohlenpott ins feine Berlin wechselte, war die spannendste Frage, ob der Holländer wohl weiterhin in Ballonseide seiner Arbeit nachgehen werde. Seit einiger Zeit erleben wir einen neuen Modetrend an der Seitenlinie: Die Trainer tragen jetzt Produkte aus dem eigenen Fanshop, vornehmlich den Klassiker aller Devotionalien: den Fanschal.

Was soll das? Die Anbiederung an den eigenen Anhang ist nicht nur unnötig, sie hilft auch im Zweifel kein Stück weiter, wie das Beispiel Marcel Koller zeigt. Der Trainer des VfL Bochum ist vor dem Winter als eifriger Fanschalträger auffällig geworden, seine Beliebtheit hat das nicht im Geringsten befördert. Mal liebt einen das Publikum, mal eher nicht. Hans Meyer hat einmal erzählt, dass ihn Georg Buschner, der frühere DDR-Nationaltrainer, immer vor zu viel Nähe zu den Fans gewarnt habe: „Das Publikum ist eine Hure“, pflegte Buschner zu sagen.

Wie man es mit der käuflichen Liebe hält, muss natürlich jeder selbst entscheiden.


Stefan Hermanns schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit Philipp Köster.

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