STEIL Pass : Der van Gaal in meinem Traum

Stefan Hermanns über die Versessenheit großer Trainer.

Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einmal von Marcel Reich-Ranicki den Satz gelesen, dass Literatur, in der Erlebnisse aus Träumen geschildert würden, nichts tauge. Keine Ahnung, ob das auch für Kolumnen gilt, aber vor kurzem (weit vor dem Spiel in Turin) habe ich von Louis van Gaal geträumt. Ich befand mich in einem irgendwie gearteten Abhängigkeitsverhältnis zu ihm (Fußballer war ich nicht), und van Gaal hat mir in diesem Traum eindringlich erläutert, welchen Härtegrad meine Zahnbürste zu haben hat. Das Bild, das sich die Öffentlichkeit von diesem harten Holländer gemacht hat, ist offenbar bis in mein Unterbewusstsein vorgedrungen.

Wenn ich Scheich, Oligarch oder ein anderer Multi wäre und folglich einen Fußballverein besäße, würde ich genau so einen Trainer wie van Gaal für meine Mannschaft haben wollen: einen, der akribisch ist, besessen und detailverliebt. Einen, der für den Erfolg auch das letzte Mittel ausschöpft. Johan Cruyff, ein Landsmann van Gaals, hat als Trainer bei Ajax Amsterdam mal einen Opernsänger engagiert, der die Spieler in die Kunst des richtigen Atmens einführen sollte. Oder Sepp Herberger, ein anderer großer Trainer. Der schickte seinen Assistenten Helmut Schön kurz vor dem Halbfinale der WM 1958 gegen Schweden mit einem Spezialauftrag nach Göteborg. Schön saß einen ganzen Nachmittag im leeren Ullevi-Stadion, nur um den Stand der Sonne zu protokollieren.

Als Spieler mag man derartige Versessenheit für übertrieben halten. Aber genau das ist das Problem des deutschen Fußballs: dass die Spieler meistens nicht bereit sind, eine ähnliche Versessenheit für ihren Beruf aufzubringen. Mit der Zahnbürste jedenfalls hat van Gaal eindeutig recht gehabt.

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