STEIL Pass : In Inkompetenz vereint

Stefan Hermanns über das fehlende Verständnis für das Torhüterspiel

Stefan Hermanns

Das Volk der Deutschen ist traditionell ein einig Volk von Torwartliebhabern. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass einige der größten fußballerischen Erfolge des Landes vor allem dank überragender Torwartleistungen zustande gekommen sind, von Toni Turek 1954 bis Oliver Kahn 2002. Verwunderlich ist eher, mit wie wenig Sachverstand das Spiel der Torhüter hierzulande verfolgt wird und wie uralte Klischees ewig weiterleben.

Wie sonst soll man es deuten, dass Steffen Simon, der Chef der Sportschau, mithin der wichtigsten Sportsendung des Landes, allen Ernstes vorschlägt, Oliver Kahn müsse bei der Europameisterschaft Deutschlands Nummer eins sein? Die DFL benötigt noch Argumente für die Zerschlagung der Sportschau zugunsten des Bezahlfernsehens? Bitte: die totale Inkompetenz an der Spitze ihrer Redaktion!

Leider ist es bei Premiere kaum besser. Am vorvergangenen Wochenende gesellte sich zur gewöhnlichen Unwissenheit auch noch Chauvinismus – eine besonders teuflische Mischung, wie sich bei der Übertragung des Spiels Arsenal gegen Birmingham City zeigte. Im Tor der Londoner stand nämlich nicht Jens Lehmann, sondern sein nichtsnutziger spanischer Konkurrent Manuel Almunia, der für die deutschen Medien derzeit so etwas wie das personifizierte Böse darstellt.

Der Premiere-Reporter jedenfalls wurde seinem nationalen Auftrag voll gerecht. „Nicht unhaltbar“, urteilte er, nachdem James McFadden mit einem Freistoß Arsenals Mauer überwunden und den Ball genau ins Toreck gezirkelt hatte, und zwar in die Mauerecke, nicht in die Torwartecke. Almunia hatte so etwas wohl schon erwartet, sich erstaunlich weit mittig postiert, er war zielgerichtet durch die Luft geflogen – und erreichte den Ball trotzdem nicht. Man könnte auch sagen: Er hat mehr versucht, als der Durchschnittstorhüter versucht hätte. Genutzt hat es ihm nichts. Wäre Almunia einfach in seiner Ecke stehen geblieben, hätte vermutlich auch der Premiere-Reporter erkannt, was McFaddens Freistoß wirklich war: unhaltbar.

Stefan Hermanns schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit „11 Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster.

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