STEIL Pass : Mit weiblicher Intuition

Stefan Hermanns über das gefährliche Vergnügen von Tippspielen

Stefan Hermanns

Angesichts der bevorstehenden Europameisterschaft ist es an der Zeit, ein Phänomen näher zu beleuchten, das mit den Regeln der Logik nur schwer zu erklären ist. Es geht um WM- und EM-Tippspiele und das stetig wiederkehrende Mysterium, dass am Ende immer Frauen gewinnen, und zwar nicht die Frauen, die ihren Lieblingsverein regelmäßig im Stadion beobachten, sondern ausschließlich die, die zwei Jahre, zwischen WM-Finale und EM-Eröffnungsspiel (bzw. umgekehrt) nicht wissen, dass überhaupt noch Fußball gespielt wird.

Das führt geradewegs zu der These, dass Fachkenntnis die Erfolgsaussichten bei solchen Wettbewerben erheblich schmälert. Ein beruhigender Gedanke, zumindest im Umkehrschluss: Als wir vor der Saison redaktionsintern die Abschlusstabelle der Bundesliga getippt haben, habe ich Dortmund auf Platz fünf, Nürnberg auf Platz acht und Wolfsburg auf Platz 16 gesetzt – unter strenger Berücksichtigung aller verfügbaren Fachkenntnis, versteht sich.

Tippen ist also ein eher zweifelhaftes Vergnügen. Manche Bundesligisten nötigen die Journalisten sogar dazu, vor jedem Spiel einen Tipp abzugeben. In der Regel erhält der Sieger dann das Premiumprodukt einer Brauerei, was a) einiges über das Bild von unserem Berufsstand sagt und b) den Sieger in der Regel vor das Problem stellt, wie er ein Fünf-Liter-Fässchen in seiner Laptoptasche nach Hause tragen soll. Meistens verweigere ich mich diesen Tipps, seitdem ich einmal in Bochum das 2:2 zwischen dem VfL und Hertha BSC richtig vorhergesagt habe. Weil Hertha jedoch eine 2:0-Führung verspielt hatte, galt ich nicht als großer Experte, sondern als großer Defätist. Dieter Hoeneß bedachte mich mit einem bösen Blick, Herthas Pressesprecher mit einem bösen Kommentar.

Tippen ist eine gefährliche Angelegenheit; das wird auch jener Kollege bestätigen, der in Dortmund einmal in der Pressekonferenz nach dem Spiel der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegeben wurde, obwohl er den Endstand – 1:1 – richtig vorhergesagt hatte. Dass er das Partyfässchen trotzdem nicht mit nach Hause nehmen durfte, lag an seinem verwegenen Halbzeittipp: Er hatte ein 2:2 prognostiziert.

Stefan Hermanns schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit „11 Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster.

0 Kommentare

Neuester Kommentar