STEIL Pass : Sehnsucht nach der Grätsche

Raute, Durchstecken, das Verschieben in Ballnähe: Philipp Köster ist verwirrt von den ständigen taktischen Neuerungen.

Philipp Köster

Haben Sie es auch schon mitbekommen? Im Profifußball wird derzeit ständig „durchgesteckt“. In Wolfsburg und München und sogar in Bielefeld werden keine Pässe mehr gespielt, sondern nur noch Bälle durch Abwehrreihen und Viererketten „durchgesteckt“. Nun wachsen solche Wortschöpfungen oft auf dem Mist der Sportreporter, die nicht zum hundertsten Mal verkünden wollen, dass die „nachfolgende Ecke nichts einbrachte“. Zugleich habe ich aber auch den Eindruck, dass der Fußball beinahe im Monatsrhythmus evolutionäre Sprünge vollzieht. Frustriert schmeißen wir Taktiklehrbücher aus den neunziger Jahren auf den Müll. Alles wertloser, antiquierter Schrott!

Erinnert sich etwa noch einer an das von Volker Finke miterfundene „Verschieben in Ballnähe“? Damals kniffen wir uns gegenseitig ungläubig in die Arme, wir waren schließlich noch mit grätschenden Vorstoppern aufgewachsen. Doch wer den Fußball nun am natürlichen Ende seiner Entwicklung angekommen sah, wurde abermals überrumpelt. Der nächste Hype: „One-Touch-Football“, vulgo schnelle Zirkulation des Balles ohne überflüssiges Anstoppen. Wurde von der Journaille in nahezu jede Analyse eingebaut, selbst wenn das Spiel wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt worden war.

Das nächste Ding war die „Raute“ und der „Doppelsechser“. Kein fauler Trick beim Pokern, sondern taktische Anordnungen im Mittelfeld, mit der jede zeitgenössische Fußballreportage begonnen wird. Ich habe längst den Überblick verloren und hoffe, dass, wenn demnächst mal wieder ein Ball durchgesteckt wird, ein Vorstopper mit Blutgrätsche für Ordnung sorgt.

Philipp Köster schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit Stefan Hermanns.

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