STEIL Pass & Contra : Du hast ja recht, aber…

Stefan Hermanns über die verschärfte Form des Fandaseins.

Stefan Hermanns

Über das Wesen des Fanseins, seine Verirrungen, Geheimnisse und Mythen sind schon viele mehr oder weniger kluge Abhandlungen verfasst worden. Dass es so viele Versuche gibt, den Fan zu ergründen, mag damit zusammenhängen, dass es unendlich viele Gründe gibt, Fan zu werden und es – trotz allem – zu bleiben. Meine Theorie lautet, dass das Fansein eine legalisierte Form ist, die Kindheit über das gesetzliche Höchstalter hinaus weiterzuführen. Deshalb sammle ich Panini-Bilder.

Am Panini-Bild scheidet sich der wahre Fan vom Pseudofan. Der Pseudofan, aufgeklärt, rational, überlegt, sagt: Fußballbildersammeln ist kindisch und überhaupt viel zu teuer. Der wahre Fan kann solchen Fakten nur unterwürfig entgegnen: Du hast ja recht, aber… Doch ist das nicht die Essenz des Fanseins überhaupt? Du hast ja recht, dass man sich keinen freien Tag nehmen sollte, um seine Mannschaft zum Auswärtsspiel bei den Bayern zu begleiten – aber ich kann nicht anders.

Das Sammeln von Fußballbildern hat, um es vorsichtig auszudrücken, nicht den besten Ruf (vor allem nicht bei meiner Mutter). Dabei wird gerne übersehen, dass Fußballbildersammeln bildet. Dank Bild Nummer 446 aus dem aktuellen EM- Album weiß ich, dass russische Fußballer noch auf die Magie der Nasenpflaster setzen. Auch die großen Momente, die mir diese Leidenschaft beschert hat, möchte ich nicht missen. Ich erinnere mich an einen sonnigen Tag in den Achtzigern, als ein Freund sich etwas verspätet zum Sammeln entschloss, dafür aber gleich im großen Stil einstieg. Für unerhörte 20 Mark kaufte er Sammelbilder. Wir mussten sie in unserem Garten ausbreiten, weil es so viele waren. Welch erhabener Anblick!

Trotzdem ist das Fußballbildersammeln, anders als das Fansein an sich, ab einem bestimmten Alter (etwa ab 13) weitgehend verpönt. Das verkompliziert die Angelegenheit ungemein. Der Kollege K. hat einmal von seiner an sich brillanten Idee erzählt, sich mit einem Freund zum Tauschen dorthin zu begeben, wo traditionell am eifrigsten getauscht wird: auf einen Schulhof. Am Ende mussten beide froh sein, dass sie nicht verhaftet wurden. Man hatte sie für Drogendealer gehalten.

Stefan Hermanns schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit „11 Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster.

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