STEIL Pass : Werder Schwarzweißgrün

Philipp Köster über eine absurde Reisegruppe aus Bremen

Philipp Köster

Zu den grundlegenden Benimmregeln unter Fußballfans gehört, dass man auch im Falle langjährigen Misserfolgs nicht den Verein wechselt. Wer es dennoch tut und beispielsweise vom MSV Duisburg zum FC Bayern München wechselt, wird völlig zu Recht als Erfolgsfan verspottet und verhöhnt.

Wie aber verhält es sich im umgekehrten Falle? Wenn nämlich ein Anhänger eines durchaus erfolgreichen Klubs seine Zuneigung einem unterklassigen Verein schenken möchte? So geschehen nämlich beim SV Werder Bremen, wo ein Fan im Internet-Forum schrieb: „Nachdem Werder in letzter Zeit alles so blöde verdaddelt hat, möchte ich kein Werderfan mehr sein. Ich schmeiß jetzt meine Werder-Sachen nicht weg, sondern bewahre sie mir für den Fall des Erfolgs auf.“

So weit ganz lustig, dann aber fragte der Anhänger: „Welchen Verein soll ich jetzt nehmen? Ich brauche dringend eine Empfehlung und zwar mit Begründung.“ Worauf sich recht bald der optimale Wechselverein herauskristallisierte: der frühere Bundesligist SG Wattenscheid 09.

Die wichtigsten Argumente für den Bochumer Stadtteilklub aus der Verbandsliga Westfalen waren schnell bei der Hand: „Da kommt die Bratwurst noch vom Holzkohlegrill“. Das Vereinslied sei „famos“. Und erst die Torquote: „Bei 57:18 Toren sind sie die Tabellen-Torfabrik Nr. 1. Ganz wie wir es mögen.“

Derart überzeugend wurde im Fan-Forum für die SG 09 geworben, dass an einem Wochenende im Mai nicht nur ein abtrünniger Werder-Fan, sondern auch noch 20 weitere Bremer mit einem Bus nach Wattenscheid fahren werden, um beim Spiel gegen TuRa Rüdinghausen mal zu schauen, wie es sich anfühlt, zumindest in der Zweitberufung Fan eines anderen Vereins zu sein. Wahrscheinlich erst einmal ein wenig befremdlich, auch die Vereinsfarben Schwarz-Weiß werden den traditionell grün gewandeten Bremern nicht sofort zusagen. Spätestens aber, wenn die erste Bratwurst vom Holzkohlegrill gereicht wird, werden sich die frisch gebackenen Werder-Anhänger stolz als erste Generation einer neuen Spezies bezeichnen: als Misserfolgsfans.

„11 Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit Stefan Hermanns.

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