STEIL Pass : Wider den Plan

Stefan Hermanns wünscht sich mehr Überraschungen im Fußball

Stefan Hermanns

Das schönste Tor dieser Saison hat vor knapp zwei Wochen Mimoun Azaouagh vom VfL Bochum geschossen. Schön nicht im Sinne von ästhetisch anspruchsvoll wie ein Fallrückzieher; schön im Sinne von besonders wertvoll, weil Azaouagh gezeigt hat, was im modernen Fußball noch möglich ist. Im Spiel gegen Eintracht Frankfurt zirkelte er einen Freistoß ins Tor, als Torhüter Nikolov noch mit dem Bau seiner Mauer beschäftigt war.

Üüüüberaaaaaschung!

Ein solcher Freistoß stellt im modernen Fußball einen Akt der Anarchie dar, weil er den Hang zur totalen Berechenbarkeit konterkariert. Selbst die Eröffnung aus der Abwehr folgt inzwischen festen Mustern; im Idealfall, wenn zwei taktisch perfekt ausgebildete Mannschaften aufeinander treffen, erstarrt das Spiel in Ereignislosigkeit. Dabei steht das Überraschungsmoment gar nicht im Widerspruch zur stetigen Automatisierung, es ist notwendige Ergänzung: eine Möglichkeit, die Fesseln zu lösen. Seltsam, wie wenig dieses Mittel genutzt wird.

Gerade bei Standardsituationen zeigt sich, wie sklavisch Fußballer inzwischen dem Plan folgen. In der Regel wartet der Ausführende darauf, dass seine Mitspieler ihre vorgegebenen Positionen einnehmen – und verpasst damit den kurzen Moment, in dem noch nicht alles fest gefügt ist. Wie ein Stilbruch wirkt es daher, wenn eine Mannschaft die Gunst des Augenblicks nutzt wie der AS Rom vor einem Jahr im Viertelfinale der Champions League. Kurz vor der Pause überrumpelten die Römer die noch nicht planmäßig formierte Abwehr von Manchester United mit einem schnell ausgeführten Eckball und ging 1:0 in Führung.

Für das große Ajax Amsterdam der Siebziger war das Überraschungsmoment ein wichtiges Stilmittel. Nie wurde es derart ausgereizt wie am 5. Dezember 1982, als Johan Cruyff im Spiel gegen Helmond den Ball beim Elfmeter zwei Meter zur Seite spielte, Jesper Olsen von hinten heranstürmte, zu Cruyff zurückpasste und der den Ball ins leere Tor schob. Vor lauter Überraschung waren Helmonds Abwehrspieler an der Strafraumlinie stehen geblieben.

Stefan Hermanns schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit „11 Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster.

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