Steilpass : Breitners Hirngespinste und Alibis

Lieber mal bei Sepp Herberger nachschlagen: Stefan Hermanns über Paul Breitners Verständnis vom modernen Fußball.

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Pi mal Daumen. Paul Breitner.Foto: ddp

Aus gegebenem Anlass hier noch ein Beitrag zur Modernitätsdebatte im deutschen Fußball. Der gegebene Anlass ist nicht das 0:4 der Bayern in Barcelona; der gegebene Anlass ist die Trainerdiskussion, die dieses Debakel hervorgebracht hat, und dabei vor allem die Idee, dass Paul Breitner Jürgen Klinsmann ablösen könnte. Wie Breitner fußballerisch tickt, kann man in seinem 1980 erschienenen Buch „Ich will kein Vorbild sein“ nachlesen, in dem er sich passend zum Titel wie ein rotziger Rebell aufführt. „Ein System – was ist das?“, schreibt er darin. „Unsinn! Ein Alibi, ein Hirngespinst, das unsere hochgeschätzten Bundesligatrainer immer wieder ihren staunenden Zuhörern verzapfen. Ein System gibt es nicht.“

Solche Sätze prädestinieren nicht nur zum Bayerntrainer, sie stützen auch die These, dass der deutsche Fußball traditionell der Moderne hinterherhechelt; dass er seit Jahrzehnten auf dem Stand der Siebziger verharrt, als Kraft und Athletik das Spiel strangulierten. Blödsinn! Was heute als revolutionär verkauft wird, hat es in den Siebzigern (oder davor) längst gegeben: Max Merkel, die spätere „Bild“-Nervensäge, hat sich sehr erfolgreich von anderen Sportarten inspirieren lassen. Noch erfolgreicher war Hennes Weisweiler, der einen Zehnkämpfer als Konditionstrainer engagierte und einen Turner fürs gymnastische Programm. Das Entscheidende aber war ihm 1965 schon, „dass der Ball im Mittelpunkt des Fußballtrainings steht“. Und was hätte wohl Sepp Herberger, Jahrgang 1897, dem 1951 geborenen Breitner auf dessen Überlegungen zum Wert eines Systems erwidert? Vielleicht das: „Wer Taktik ablehnt und sie faulen Zauber nennt, hat sie am meisten nötig.“

Stefan Hermanns schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit Philipp Köster, Chefredakteur von 11Freunde.

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