Steilpass : Circus Minimus

Kein kommerzielles Tamtam, keine albernen Rituale - Markus Hesselmann schreibt, warum er sich in deutschen Fußballstadien mehr spanische Verhältnisse wünschen würde.

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Die Zuschauer in Spanien kommen kurz vor Spielbeginn, gehen kurz nach Abpfiff.
Die Zuschauer in Spanien kommen kurz vor Spielbeginn, gehen kurz nach Abpfiff.Foto: AFP

Selbst die stocknüchternen Kollegen vom „Kicker“ klingen fast ergriffen: „In diesem Tempel spielt man nicht Fußball, man führt ihn auf wie ein Theaterstück.“ Gemeint ist das Bernabeu-Stadion, Real Madrids Bühne. Gemeint ist auch die ästhetische Strenge, mit der Fußball in Spanien dargebracht wird. Weder Status Quo oder AC/DC bedröhnen beim Einlaufen der Mannschaften die Fans, noch knödelt Queen zum Abspann. Kein Boulevardblatt übermittelt samt Jingle die Ergebnisse aus anderen Stadien. Kein Großbrauer oder Alufelgen-Hersteller präsentiert das Eckenverhältnis. Ich selbst kann das für Reals Stadtrivalen Atletico bestätigen und höre von Kollegen, dass es in Spanien so gute Sitte ist.

Nach Spielende entfällt das zwanghafte Sichzeigen der Spieler vor der Kurve. Die Fans sind auch nicht gekommen, um sich mit „Choreografien“ diverser Winkelemente selbst zu feiern. Sie beklatschen ihr Team, wenn es mit Leistung, Toren und Punkten überzeugt. Sie kommen kurz vor dem Anstoß und gehen kurz nach dem Abpfiff.

Nun mag der spanische Fußball nicht in allen Belangen vorbildlich sein. Zeitspiel und Schwalben sind dort nicht so verpönt wie zum Beispiel in England. Auf den Chefsesseln spanischer Klubs produzieren sich Baulöwen und sonstige Zampanos. Aber es spricht für ein tieferes Verständnis des schönen Spiels, im Stadion dem Fußball an sich zu vertrauen und auf allen Zirkus zu verzichten.

Zirkus? Da war doch was. Nach der Verpflichtung David Beckhams hat Uli Hoeneß Real Madrid mal als „Zirkus“ verunglimpft. Jorge Valdano, Reals Sportdirektor, antwortete mit einer Frage: „Wenn wir nebeneinander zwei Fußballstadien bauen würden, eines für Real Madrid und eines für Bayern München. Wo würden Sie hingehen?“ Ich gebe zu: Ich würde nicht zu Bayern gehen.

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