STEILPASS Fans : Falsche Versprechung

Dirk Gieselmann über seine größte Enttäuschung – als Spieler und als Fan.

Heute weiß ich: Ich war ein mittelmäßiger Fußballer. Damals wusste ich das nicht, zumal nicht in dem Sommer, als ich abgeworben wurde. Zwar wechselte ich nur vom einen Dorfverein zum anderen, aber immerhin von der Kreisklasse in die Kreisliga. Davon erhoffte ich mir nicht nur mehr Ruhm und neue Trikots – der Obmann hatte mich mit einem besonderen Anreiz gelockt: Er werde, prahlte er bei den Transferverhandlungen an der Wurstbude, eine Trainingseinheit mit Rodolfo Cardoso organisieren. Mit Cardoso! Dem Spielmacher des SV Werder! Das war wie ein Handgeld für mich. Ja, ich ging in dem Gefühl in die Saison, eine Art Profi zu sein. Welche Tricks würde Cardoso mich lehren? Würde er mich gleich mitnehmen zum SV Werder? Doch im Juli platzte ein erster Termin mit dem Genie, ein nächster im Oktober. Da war meine Hochstimmung schon verflogen, ich stand mit dem neuen Verein im unteren Tabellendrittel. In der Winterpause, in die wir als Vorletzter gegangen waren, schürte der Obmann die Hoffnung von Neuem: Im Februar werde Cardoso ganz bestimmt kommen. Er habe soeben mit ihm telefoniert. Es wurde Ostern, es wurde Pfingsten, wir waren Letzter, der Klassenerhalt nur noch rechnerisch möglich. Da raste eines Tages ein Fantasiesportwagen auf den Parkplatz vor unserem Vereinsheim. Wir liefen zu einer Traube zusammen, auch der Obmann kam aus seinem Häuschen gedackelt. Er schien es selbst nicht zu glauben. Cardoso? Hier? Die Wagentür flog auf, und aus stieg – Hansi Gundelach. Der Ersatzkeeper des SV Werder. Trug die rote Röhrenjeans von der Meisterfeier 1993. Cowboystiefel. War nicht besonders gut drauf. Schoss drei Mal lustlos aufs Tor. Mit Pieke. Fuhr dann zurück nach Bremen. Wir stiegen ab in dieser Saison. Ohne Cardoso war die Klasse einfach nicht zu halten.

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