• STEILPASS Inland: Der Mythos muss stehen Stefan Hermanns über Huub Stevens und seinen heiligen Grundsatz

STEILPASS Inland : Der Mythos muss stehen Stefan Hermanns über Huub Stevens und seinen heiligen Grundsatz

Foto: Thilo Rückeis

Wir Journalisten halten uns ja alle für schrecklich individuell, in Wirklichkeit aber sind wir ganz schlimme Herdentiere, schreiben das, was alle schreiben; denn wenn es einmal geschrieben stand, kann es doch falsch nicht sein. Carmen Thomas zum Beispiel war, ist und wird immer die Frau bleiben, die ihren Moderatorenjob beim Aktuellen Sportstudio verloren hat, weil sie in ihrer Debütsendung das Gründungsdatum des FC Schalke 04 um ein Jahr nach hinten verlegt hat. Eine schöne Geschichte, mit der sich die Machokultur im Fußball trefflich belegen lässt. Nur stimmt sie nicht. Thomas hat das Sportstudio nämlich nach ihrem Versprecher vertragsgemäß noch anderthalb Jahre moderiert.

Ein aktuelleres Beispiel für den journalistischen Herdentrieb ist der Fall Huub Stevens. Nach seiner Rückkehr zum FC Schalke hat es vermutlich keinen Text über ihn gegeben, in dem Stevens’ heiliger Grundsatz „Die Null muss stehen“ nicht erwähnt wurde. Stevens war, ist und bleibt eben ein Defensiv-Taliban – da kann er noch so oft darauf hinweisen, dass der Satz aus dem Zusammenhang gerissen worden ist und sich irgendwann verselbstständigt hat. Stevens hat die Null explizit auf Heimspiele im Europapokal bezogen – und noch expliziter auf jene Spiele, in denen ihm mit Martin Max und Youri Mulder der komplette Sturm verletzt ausfiel.

Dass Stevens auch anders kann, haben die Schalker in der Saison 2000/01 gezeigt, als sie mit mutigem Offensivfußball die Liga aufmischten. Kein Team erzielte mehr Tore, Ebbe Sand wurde Torschützenkönig, gemeinsam mit Emile Mpenza bildete er den gefährlichsten Sturm der Liga. Schalkes Offensivspiel war in jener Zeit geradezu stilbildend, auch wenn sich niemand mehr daran zu erinnern scheint. Aber so ist das eben: Die Realität wird nie so groß werden wie der Mythos.

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