STEILPASS Inland : Irgendwer ist immer schuld Stefan Hermanns über

zwanghafte Fehlersuche

Vor ein paar Jahren habe ich den Schriftsteller Burkhard Spinnen besucht, um ein Porträt über ihn und seine Arbeit zu schreiben. Doch weil wir beide demselben Verein anhängen, drehte sich unser Gespräch irgendwann nur noch um Fußball. Spinnen berichtete dabei von seiner Entdeckung, dass im Fernsehen – es war zur Hochzeit von Ran, der Sat1-Fußball-Show – inzwischen zwanghaft nach Schuldigen gesucht werde. Schieße ein Stürmer ein Tor, gehe es nur noch darum, welcher Verteidiger zuvor den entscheidenden Fehler gemacht habe.

Das ist jetzt gut 15 Jahre her, Ran in seiner damaligen Form gibt es nicht mehr, aber Ran als Idee hat überlebt, und so kann man feststellen: Es ist alles noch schlimmer geworden. Irgendjemand ist immer schuld, im Zweifel der Schiedsrichter.

In der vorigen Woche musste ich wieder daran denken, als Manuel Neuer beim Spiel Inter Mailand gegen Schalke 04 den Ball vor dem eigenen Strafraum bis zum Mittelkreis köpfte und Dejan Stankovic mit einem Volleyschuss zum 1:0 traf. Ein eigentlich unmögliches Tor, das natürlich einer tiefgreifenden Fehleranalyse bedurfte. Aber es ließ sich kein Fehler finden. Neuer hätte nicht besser klären können, kein Schalker hätte Stankovic am Mittelkreis in Manndeckung nehmen müssen, und sein Schuss war schlichtweg: perfekt. Wieso fällt es uns eigentlich so schwer, eine besondere Leistung als besondere Leistung anzuerkennen?

Inters Tor war der grandiose Auftakt eines grandiosen Spiels. Und selbst die zwanghaften Fehlersucher sollten in der Folge nicht darben. Inters Defensive beschenkte sie an diesem Abend noch reichlich.

Stefan Hermanns schreibt hier über deutschen Fußball. Markus Hesselmann beschäftigt sich in seiner Kolumne mit dem Ausland, Jens Kirschneck mit Frauenfußball.

0 Kommentare

Neuester Kommentar