Sport : Stein auf Eis

Curling ist in Kanada Volkssport – aber auch das deutsche Team kämpft in Turin um eine Medaille

Claus Vetter

In 14 Tagen beginnen die Olympischen Winterspiele in Turin. In unserer Serie stellen wir die ungewöhnlichsten Sportarten vor, die sich dort präsentieren werden. Heute: Curling.

Die Einschaltquoten waren erstaunlich. Millionen Fernsehzuschauer wollten vor vier Jahren bei den Winterspielen in Salt Lake City sehen, wie 19 Kilo schwere Steine mit Graniteinlage von Vierer- Teams über das Eis geschubst und zum Ziel gewischt wurden. Ein Fernsehmoderator prophezeite dem Spiel auf der 43 Meter langen Eisbahn in Deutschland einen unerhofften Popularitätsschub, er sprach von der „Trendsportart Curling“.

Vier Jahre später ist viel Sportart übrig geblieben, aber wenig Trend. Andreas Kapp trägt es mit Fassung. Die deutsche Curlingszene wachse „gemütlich“, sagt er. Als „Skip“, als Stratege und Allrounder, führt der Allgäuer das vier Spieler und einen Ersatzspieler starke deutsche Männer-Team in Turin an, die Frauen haben sich nicht qualifiziert. „Wir sind gewohnt, dass sich vor Olympia der Medienrummel potenziert“, sagt Kapp. „Uns gefällt das. Als Curling 1988 in Calgary Demonstrationswettbewerb war, hat das keinen interessiert.“ Kapp war damals schon dabei, genauso wie in Nagano 1998, als Curling olympisch wurde. „Curling ist kein Altherrensport, sondern hochinteressant“, sagt der 38-Jährige.

Curling wurde bereits im 15. Jahrhundert in Schottland entwickelt. Auf einer Eisfläche werden von zwei Teams abwechselnd Steine über das Eis geschoben. Das Team, das nach Abwurf von je acht Steinen mindestens einen Stein am nächsten am markierten Kreis liegen hat, bekommt Punkte gutgeschrieben. Die Mannschaft, die nach zehn Durchgängen die meisten Punkte hat, gewinnt.

In Deutschland gibt es nur fünf Curlinghallen. Das Team von Kapp hat selbst im Bundesleistungszentrum Füssen mit dem Eis zu kämpfen, in der Halle findet auch Eislauf statt. Danach muss das Eis mit dem Wasserschlauch aufbereitet werden. Denn das Eis muss eben sein, damit die um 600 Euro teuren Steine – heute nicht mehr zu 100 Prozent aus Granit gefertigt – ungestört gleiten können. „Aber was macht man nicht alles für das Hobby“, sagt Kapp. Für das Hobby bekommt er Erfolg: Zweimal war Kapp Europameister, einmal Vizeweltmeister und Deutscher Meister in Serie. In Nagano wurde er Achter, in Turin will er nun auch eine olympische Medaille – mit dem Team vom Curling Club Füssen, das der ganze Stolz der Klubpräsidentin ist. „Natürlich ist die Olympiateilnahme für uns eine Ehre“, sagt Christiane Jentsch. Es ist beim Curling üblich, dass Klub- als Nationalteams antreten. Eingespieltheit und Verständnis sind wichtig.

Dass die Deutschen überhaupt so gut in der Weltspitze mithalten können, ist schon ein kleines Wunder: In der Curling-Hochburg Kanada gibt es eine Million Aktive, in Deutschland gerade einmal 700. Kapp sagt: „In Kanada schauen sich schon mal 10 000 Fans Curling an.“ In Turin passen 2100 Zuschauer in die Halle. Doch auf die ganz große Bühne kommt das deutsche Curling-Team bei der Eröffnungsfeier im Olympiastadion. „Da werden fast 170 deutsche Athleten ins Stadion einlaufen“, sagt Andreas Kapp. „Zehn Amateure sind darunter, und davon sind fünf Curler.“

Favoriten für Olympia: Norwegen, Kanada, Schweden, Großbritannien.

Favoritinnen: Großbritannien, Norwegen, Kanada, Schweiz.

Deutsche Starter: Männer-Nationalteam.

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