Sport : Stich ins Herz

Spaniens Raul dreht das Spiel – 3:1 über Tunesien

Sven Goldmann[Stuttgart]

Am Tag, als der Regen zur Fußball-Weltmeisterschaft kam, meldete sich einer der großen, alten Helden zurück. Das heißt, so alt ist Raul noch gar nicht, er wird in der kommenden Woche 29 Jahre alt, aber in Zeiten des von Zwanzigjährigen dominierten Speedfußballs ist man damit schon ein halber Senior. Eine Halbzeit lang hatte der Spanier am Montagabend in Stuttgart auf der Bank gesessen und mit angesehen, wie seine Mannschaft sich schwer tat und gegen Tunesien zurücklag. Dann kam Raul und schoss zwanzig Minuten vor Schluss den erlösenden Ausgleichstreffer. Am Ende gewannen die Spanier noch 3:1 und zogen vorzeitig ins Achtelfinale ein. Es wurde, trotz Raul, ein Abend der Jugend: Die beiden weiteren Tore nämlich gelangen dem 22-jährigen Fernando Torres. Und als Einfädler hatte sich zweimal Cesc Fabregas hervorgetan, ein zartes Bürschchen, das vor ein paar Wochen 19 Jahre alt geworden ist. „Es ist sehr wichtig für den Rest des Turniers, dass wir den Rückstand aufholen konnten“, sagte Mittelfeldspieler Xabi Alonso.

Die Helden vom vergangenen Mittwoch, als Spanien 4:0 gegen die Ukraine gesiegt hatte, blieben gestern blass. David Villa, zweifacher Torschütze, wurde nach einer Stunde ausgewechselt. Schon zur Halbzeit hatte Luis Garcia Platz machen müssen für Raul, den Mann, der den Umschwung brachte. Rauls Klubkollege Iker Casillas ist es bei Real Madrid gewohnt, von weißgewandeten Fußballspielern umgeben zu sein. Dass sich aber zu Beginn des Spiels so viele Tunesier unter die rotblauen Spanier mischten, kam dem Torhüter seltsam vor. In der achten Minute flankte Jaziri auf Mnari. Dessen ersten Schuss boxte Casillas noch zurück, allerdings genau auf den Fuß des Tunesiers, der es im zweiten Versuch besser machte und das 1:0 für den Außenseiter erzielte.

Spaniens Trainer Luis Aragones hatte zuvor mahnend davon gesprochen, wie gut diese Tunesier Fußball spielen können, „sie sind die beste Mannschaft in unserer Vorrundengruppe, glaubt mir, ich habe sie oft genug beobachtet“. Wahrscheinlich haben die Spanier das als eine der üblichen Marotten ihres Trainers abgetan. Es heißt, dass der schon 67 Jahre alte Aragones im Mannschaftskreis nicht immer ganz ernst genommen wird. Aber wo er Recht hat, hat er Recht. Die Tunesier überließen den Spaniern bereitwillig die Spielgestaltung, aber wann immer sich die Möglichkeit zum Konter bot, nutzten sie diese. Der kleine Jaziri konnte von Casillas nur knapp am erfolgreichen Abschluss gehindert werden. Und als Puyol den tunesischen Star Trabelsi von Ajax Amsterdam an der Strafraumgrenze umtrat, war er mit einer Gelben Karte noch gut bedient. „Ein Mangel an Konzentration führte zu dieser Niederlage“, sagte Tunesiens Trainer Roger Lemerre. Es sei noch nichts verloren, nur müsse seine Mannschaft „eine bessere Arbeit abliefern“, um gegen die Ukraine den für das Erreichen des Achtelfinals erforderlichen Sieg zu schaffen.

Natürlich hatten auch die feldüberlegenen Spanier ihre Chancen, aber es waren keine zwingenden. Ein Schuss von Villa traf das Außennetz, Luis Garcia köpfte nach einem Freistoß von Xavi knapp vorbei, Torres setzte den Ball über das Tor. Einem Kopfball von Alonso stand Jaidi auf der Linie im Weg.

Den rechten Schwung brachte erst Fabregas ins Spiel. Erst zwang der Jungstar vom FC Arsenal den tunesischen Torhüter Boumnijel mit einem Schuss aus 20 Metern zu seiner besten Parade. Bei Fabregas’ zweitem Versuch kam der Tunesier nur noch mit einer Hand an den Ball, Raul grätschte dazwischen, es stand 1:1. Es war wie ein Stich ins Herz der Tunesier, die jetzt die Kontrolle über das Spiel verloren. Sie gaben den Spaniern die Räume, auf die sie so lange gewartet hatten. Nur sechs Minuten nach dem Ausgleich nutzte Fabregas die neue Freiheit für ein Zuspiel auf Torres, der Boumnijel überlief und aus spitzem Winkel zur Führung traf. Der Stürmer von Atletico Madrid hätte gestern drei, vier Tore schießen können, es reichte immerhin noch zu einem zweiten, einem Elfmeter, den Trabelsi an ihm selbst verursacht hatte. Kurz darauf war Schluss und Spanien selig.

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