Sport : Stiere im Galopp

Dortmund feiert nach dem Sieg über Real die eigene Abwehrarbeit und die Wandlung von Marcel Schmelzer vom Notnagel der Nationalmannschaft zum Helden im Europapokal.

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Jürgen Klopps Spanischkenntnisse reichen nach eigener Einschätzung gerade dazu aus, halbwegs fehlerfrei ein Bier zu bestellen. Aber sein passiver Wortschatz ist offensichtlich deutlich größer. Er genügte am Mittwochabend, um ihn ordentlich erröten zu lassen. Der Trainer von Borussia Dortmund spitzte vor Scham die Lippen, als die Dolmetscherin neben ihm den Kernsatz seiner Teambesprechung vor dem Champions-League-Spiel gegen Real Madrid ins Spanische übersetzte und dabei der Ausdruck „hijo de su madre“ fiel. Klopp fand die spanische Variante offensichtlich erheblich anrüchiger als das Originalzitat, das er selbst in einem Anflug von Gedankenlosigkeit vor dem Anpfiff in Umlauf gebracht hatte. „Wer heute nicht richtig defensiv arbeitet, der ist ein Arschloch“, hatte Klopp nicht nur zu seinen Spielern gesagt, sondern später auch vor der Fernsehkamera. Eine etwas unorthodoxe Wortwahl, die ihre Wirkung jedoch nicht verfehlte. „Alle haben gearbeitet wie die Stiere“, sagte Dortmunds Trainer.

Seine Mannschaft war im Vergleich zum verlorenen Revierderby gegen Schalke am Wochenende kaum wiederzuerkennen. Die Dortmunder verteidigten extrem offensiv, gerade die Außenverteidiger hatte Klopp „explizit angewiesen, richtig anzugreifen“ – und damit den Mut auszustrahlen, den er in diesem Spiel von seiner ganzen Mannschaft erwartete. Es war ein wirksames Mittel, um die offensive Kraft der Spanier weitgehend einzudämmen und zugleich deren Schwächen in der Defensive zu entblößen. So erlebten die Zuschauer nur vier Tage nach dem Trauma gegen Schalke einen rauschhaften Europapokalabend, „genau das Richtige nach so einer Derby-Niederlage“, wie Verteidiger Mats Hummels nach dem 2:1-Erfolg fand.

Von seiner Wirkung her ist dieser Sieg gar nicht hoch genug einzuschätzen, auch wenn Klopp nach dem dritten Spieltag der Gruppenphase noch nicht das Gefühl hatte, „einen großen Erfolg gefeiert zu haben“. Er habe auch nicht als Kind von einem Sieg gegen Real geträumt, wie ihm ein Fernsehreporter entlocken wollte: „Wenn man im Schwarzwald aufwächst, träumt man davon, beim VfB Stuttgart zu spielen. Das ist mir nicht gelungen.“ Der Erfolg gegen Real war trotzdem wichtig: weil es vor allem ein Erfolg gegen die Zweifel an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit war. Für Dortmund war in den vergangenen beiden Jahren im Europapokal jeweils nach der Gruppenphase Schluss, jetzt aber, ausgerechnet in der stärksten Gruppe mit den Meistern aus Spanien, England und Holland, liegt Klopps Team zur Halbzeit an der Spitze. „Wir haben gezeigt, dass wir auf internationaler Ebene konkurrenzfähig sind“, sagte Innenverteidiger Neven Subotic.

Was im Großen für die Mannschaft gilt, trifft im Kleinen auch auf Marcel Schmelzer zu, der in den vergangenen Tagen die ganze Bandbreite an emotionalen Schwankungen kennengelernt hat: Vom verspotteten Notnagel in der Nationalmannschaft wurde er zum gefeierten Europapokalhelden. Mitte der zweiten Hälfte erzielte Schmelzer den Treffer zum 2:1-Endstand. „Das ist das, was man sich als kleiner Junge vorgestellt hat: In der Champions League gegen Real Madrid das Siegtor zu machen“, sagte der Linksverteidiger.Der 24-Jährige sprach hinterher sogar von einer Genugtuung, nachdem ein paar allgemeine Worte von Bundestrainer Joachim Löw über den Mangel an guten Außenverteidigern in Deutschland so interpretiert worden waren, man müsse Schmelzer nun mal durchschleppen. Auch deshalb konnte Klopp seinen Überschwang nach dem Sieg gegen Real kaum zügeln: „Was Marcel Schmelzer gespielt hat, ist von einem anderen Stern. Glückwunsch an Deutschland, so einen Linksverteidiger zu haben“, sagte Dortmunds Trainer, nahm Joachim Löw allerdings auch gegen den Vorwurf in Schutz, Schmelzer willentlich diskreditiert zu haben.

„Ich habe mich nicht runterziehen lassen von dem, was andere über mich sagen“, behauptete Schmelzer. „Ich habe auch nicht daran gedacht, mit dem Fußball aufzuhören.“ Löw hat sich nicht nur öffentlich, sondern auch bei ihm persönlich für seine missverständlichen Worte entschuldigt. Am Ende dieses erfreulichen Abends wollte ein Journalist noch Details vom Bußgang des Bundestrainers erfahren. Marcel Schmelzer überlegte kurz, dann sagte er: „Ich möchte lieber über das Spiel heute reden.“

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