Sport : Still ruht das Klischee

Ohne die gewohnte Aggressivität trotzen die Serben den Deutschen drei Punkte ab

Tim Jürgens[Port Elizabeth]
Packender Einsatz. Milan Jovanovic feiert den Treffer seiner Mannschaft gegen Deutschland. Sein Trainer Radomir Antic (r.) feiert mit. Foto: dpa
Packender Einsatz. Milan Jovanovic feiert den Treffer seiner Mannschaft gegen Deutschland. Sein Trainer Radomir Antic (r.) feiert...Foto: AFP

Alle Zeichen sprachen gegen sie. Schon vor Spielbeginn klappte es nicht so recht mit der angekündigten Rückkehr der Serben zur inneren Geschlossenheit. Bevor die Hymne erklang, hatte Branislav Ivanovic den neben ihm stehenden Nikola Zigic einfach nicht zu packen bekommen. Der Abwehrspieler reichte nicht heran an seinen baumlangen Stürmer. Dabei suchte der 2,02 Meter große Zigic doch nur verzweifelt Kontakt zu seinem Mitspieler, um mit ihm im Schulterschluss das Serbenlied „Bože Pravde“ zu singen. Ja, wie denn nun? Von unten oder über die Schulter oder doch von oben? Schließlich griff Ivanovic den Hünen beherzt um den Torso, die Hymne erklang – und zumindest den Fernsehzuschauern präsentierten sich die Serben als verschworene Einheit.

Die Szene entsprach weitgehend dem Spielverlauf in der Anfangsphase. Zigic, der als einzige Spitze dem früheren Herthaner Marko Pantelic vorgezogen worden war, trottete ohne Kontakt zum Rest des Spiels mit leicht gesenktem Kopf zwischen seinen Bewachern Per Mertesacker und Arne Friedrich. Pantelic selbst machte insofern auf sich aufmerksam, als er beim Warmmachen sowohl vor als auch während des Spiels stets als Letzter kam und als Erster ging. Den Schlendrian und seine Diva-Eigenschaften kann der Ex-Berliner also auch beim Nationalteam nicht ganz ablegen. Hinter ihm versuchte Zdravko Kuzmanovic seinen groben Fehler aus dem Spiel gegen Ghana – er hatte nach seiner Einwechslung den entscheidenden Elfmeter verschuldet – mit hoher Laufbereitschaft wieder gut zu machen. Sein Engagement schien die Kollegen allerdings eher zu verunsichern als zu stimulieren.

Vom Klischee, serbische Teams würden vor allem durch Physis, zur Schau getragenes Selbstbewusstsein und eine gehörige Portion Schlitzohrigkeit zu ihrem Spiel finden, war nichts zu erkennen.

Erst der Sinkflug von Milan Jovanovic – wohl dem einzigen Serben mit dauerhaft straffer Körperhaltung – nach seinem 1:0-Treffer zu den Fans in den Graben hinter der Spielfeldbegrenzung offenbarte, wenn auch nur für Sekunden, die brodelnden Emotionen im Team. Grätschen, Hakeleien und mitunter auch die eine oder andere Unsportlichkeit bekam man einzig von deutschen Spielern geboten.

Serbien spulte derweil ein sachliches, unaufgeregtes Programm ab, das nicht ansatzweise auf Scharmützeln fußte. Der Plan des Trainers Radomir Antic von mehr Leben im Spiel ging zwar nur im Ansatz auf, dafür überzeugten seine Profis mit kühler Disziplin. Stille Tage im Klischee. Als dann allmählich das Bewusstsein reifte, es könne tatsächlich für einen Sieg gegen das DFB-Team reichen, wollte Jovanovic doch noch einen Taschenspielertrick abrufen. Als Marko Marin den Platz betrat, versuchte Jovanovic den Deutschen in ein Gespräch zu verwickeln. Aber Marin reagierte einfach nicht. Der Mittelfeldspieler aus Lüttich konzentrierte sich deshalb postwendend wieder auf die anstehenden Defensivaufgaben.

Wenigstens Serbiens Nikola Zigic versuchte zu guter Letzt mit einer Provokation den Scheinwerfer auf sich zu drehen, als er in der Manier eines Catchers Manuel Neuer mit sich riss. Er suchte wohl immer noch nach jemandem, an dem er sich festhalten konnte.

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