Sport : Still ruht der Ball

Harald Irnberger

Pünktlich zum 100. Geburtstag soll das erste Ziel der Jubiläums-Saison erreicht werden: Zum offiziellen Gründungsdatum bestreitet Real Madrid im Bernabeu-Stadion das Finale um den spanischen Vereinspokal gegen Deportivo La Coruña. Der Austragungsort war festgelegt worden, bevor die Final-Teilnehmer ermittelt wurden - eine Verbeugung des Verbandes vor dem Jubilar, der mit bislang 28 spanischen Meistertiteln und zehn Europapokalsiegen der erfolgreichste Fußballverein der Welt ist. 28-mal wurde Real Spanischer Meister, 17-mal Pokalsieger. 4500 Pokale stehen im vereinseigenen "Sala de trofeos", einem der meistbesuchten Museen Spaniens.

Sollte heute noch ein 18. spanischer Cup hinzukommt, dann gilt dieser in Madrid bloß als Aperitif. Die Vereinsführung hat das ehrgeizige Ziel ausgegeben, in dieser Saison auch noch die spanische Meisterschaft und die Champions League zu gewinnen. Dieses Triple gelang Real schon einmal - 1957, als di Stefano, Gento und Kopa für Real spielten und alle Welt vom "weißen Ballett" schwärmte. Der Argentinier di Stefano machte Real damals zur führenden Fußballmacht der Welt. Er stürmte für die Mannschaft, die von 1956 bis 1960 fünf Mal hintereinander den Europapokal der Landesmeister gewann. In allen Endspielen war er als Torschütze erfolgreich. Das Finale des Jahres 1960, das Real gegen Eintracht Frankfurt 7:3 gewann, ging als eines der spektakulärsten Fußballspiele aller Zeiten in die Geschichte ein.

Heute ist die Equipe um die Weltstars Zinedine Zidane, Luis Figo, Raul und Roberto Carlos auf gutem Wege, an die für Real goldenen Fünfzigerjahre anzuschließen. Seit im Sommer 2000 der Bauunternehmer Florentino Perez zum Real-Präsidenten gewählt wurde, gesundete zudem der zeitweilige Chaoten-Klub zum profitablen Sport-Unternehmen. Binnen eines Jahres wurde mit den Erträgen eines Immobiliendeals der Schuldenberg von etwa 300 Millionen Euro getilgt und die Gewinnzone erreicht, obwohl Real zugleich die gerade besten und teuersten Fußballer der Welt einkaufte: zuerst Luis Figo für etwa 62 und dann Zinedine Zidane für 77 Millionen Euro. Die Investitionen rechnen sich nicht nur sportlich beinahe umgehend. In der vergangenen Saison brachte Real Madrid weltweit etwa 500 000 Trikots mit den Rückennummern von Raul, Figo und Roberto Carlos an den Mann. So viele Hemden werden in dieser Saison wahrscheinlich allein von Zidane verkauft - zum Stückpreis von 70 Euro.

So etwas schafft nur, wer über eine weltweite Fan-Gemeinde verfügt. Diese wiederum pflegt Real Madrid mit einer Web-Seite in spanischer, englischer, japanischer sowie - seit Zidane an Bord ist - auch in französischer und arabischer Sprache. Im Tagesdurchschnitt klicken mehr als 250 000 Fans in aller Welt diese Seite an, die von bezahlten Werbebotschaften eingerahmt ist. Das ist indes nur eine der vielfältigen Einnahmequellen des Fußball-Konzerns, der in dieser Saison über ein Budget von etwa 180 Millionen Euro verfügt.

Der Erfolg wird vor allem beim Erbfeind FC Barcelona mit Zähneknirschen registriert. Schließlich hält sich Real exakt an die Strategien, die schon vor über einem Jahrzehnt Barcelonas damaliger Trainer Johan Cruyff ständig gefordert hatte. Reals Erfolg basiert auf einem Präsidenten, der diskret im Hintergrund bleibt und und sportliche Entscheidungen seinen mit weitreichenden Vollmachten ausgestatteten Fachleuten überlässt. Dafür ist bei Real vor allem Jorge Valdano zuständig. Der Argentinier, früher schon als Spieler und Trainer bei Real tätig, fungiert nun als Sport-Generaldirektor. Valdano wiederum hält Trainer Vicente del Bosque - auch er ein früherer Real-Spieler - den Rücken frei. Als die Mannschaft diese Saison in der nationalen Meisterschaft so schlecht wie seit vielen Jahren nicht mehr startete, hätte früher garantiert der Stuhl des Trainers gewackelt. Diesmal aber erstickten Perez und Valdano alle Hysterie schon im Keim. Prompt fing sich Real und beendete die Hinrunde als Tabellenführer.

Zudem setzt der Verein auf ein Prinzip, das auch Cruyff schon in Barcelona propagiert hatte. Nicht aus aller Welt zusammengekaufte Söldner, sondern Spieler aus dem eigenen Nachwuchs sollen das Gesicht der Mannschaft prägen, geführt von einer Hand voll absoluter Ausnahmeerscheinungen aus dem Ausland. Dementsprechend formuliert Präsident Perez das mittelfristige Unternehmensziel: "Wir wollen eine Mannschaft von Zidanes und Pavones." Auf der einen Seite Topstars wie Zinedine Zidane, auf der anderen Nachwuchskräfte wie Francisco Pavon. Der 19-Jährige hatte im vergangenen Herbst den Sprung aus der Juniorenmannschaft in die Abwehr des Star-Ensembles geschafft und sich längst einen Stammplatz an der Seite von Fernando Hierro erkämpft.

Das Risiko hat sich gelohnt. Real spielt in dieser Saison nicht nur in Spanien, sondern auch auf internationalem Niveau so erfolgreich wie lange nicht. Die Qualifikation für das Viertelfinale der Champions League schaffte Real in der vergangenen Woche mit einem Sieg beim FC Porto schon nach vier Spieltagen in der Zwischenrunde. Dabei hatte Trainer del Bosque seine Stars Zidane, Figo, Raul und Roberto Carlos zum Regenerieren zu Hause gelassen.

Das passt gut zum Selbstverständnis eines Klubs, der sich zum Abschluss der Geburtstagsfeierlichkeiten am 18. Dezember ein ganz besonderes Geschenk gewünscht hat: An diesem Tag ruht auf der ganzen Welt der Fußball. Nur nicht in Madrid, wo Real zum offiziellen Jubiläumsspiel gegen eine Weltauswahl antritt.

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