Sport : Still und stilvoll

Pep Guardiola gewinnt mit dem europäischen Supercup seinen ersten Titel mit Bayern – und widmet ihn seinem Vorgänger Heynckes.

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Da wächst etwas zusammen. Nach seinem Ausgleichstreffer zum 1:1 stürmte Bayerns Torschütze Franck Ribéry auf Trainer Pep Guardiola zu. „Wir sind sehr zufrieden mit ihm“, sagte der Franzose später über seinen neuen Trainer. Foto: dpa
Da wächst etwas zusammen. Nach seinem Ausgleichstreffer zum 1:1 stürmte Bayerns Torschütze Franck Ribéry auf Trainer Pep Guardiola...Foto: AFP

Prag - Oben stand Michel Platini mit dem Pokal, aber die beiden würden schon nicht weglaufen. Dachte sich Pep Guardiola und holte sein Telefon hervor. Scheinbar entrückt vom mitternächtlichen Lärm schlenderte der Trainer des FC Bayern über den Rasen der Prager Arena, das Mobiltelefon ans Ohr gepresst, alle paar Meter klopfte ihm einer auf die Schulter, Guardiola nahm es kaum wahr.

Mit wem er da wohl gesprochen hat? Vielleicht mit José Mourinho, der es zur persönlichen Gratulationscour nicht hatte möglich machen können und in den Katakomben der Arena mal wieder sinnierte über finstere Verschwörungen, was sonst hätte seinen FC Chelsea um den Sieg bringen können. Oder mit seinem Vorgänger in München, Guardiola widmete ihm später seine Dankesrede: „Vielen Dank an Jupp Heynckes für die Möglichkeit, dieses Finale zu spielen. Dieser Titel ist für ihn und für die Fans.“ Vielleicht aber hat er auch nur eine kurze Notiz auf seine eigene Mailbox gesprochen, als Erinnerung an diesen für ihn so wichtigen Sieg in diesem sportlich doch so unwichtigen Spiel.

Niemand hat sich am Ende dieses unterhaltsamen Abends so still und stilvoll und aufrichtig gefreut wie Pep Guardiola. Es ging dabei weniger um den von der Uefa ausgelobten Supercup, eine sperrige Vase, die im Trophäenzimmer der Bayern eher einen hinteren Platz einnehmen dürfte. Niemand braucht dieses Spiel zwischen den Siegern von Champions League und Europa League. Was Guardiola braucht, das sind die Herzen seiner Spieler. Und offensichtlich hat der Spanier sie schon nach ein paar Wochen gewonnen.

Das ist die Botschaft nach diesem 5:4 im Elfmeterschießen über den FC Chelsea, das nur der ewig schlechte Verlierer Mourinho dem Schiedsrichter anlastete, wegen eines vermeintlich unberechtigten Platzverweises gegen seinen Mittelfeldmann Ramires. Nein, dieses Spiel hatte im Sinne des Fußballs die richtige Mannschaft gewonnen. Die Mannschaft, die 120 Minuten lang Fußball spielen wollte.

Zu keinem Zeitpunkt waren die Bayern bereit, dieses Spiel als sportlich unbedeutend abzuhaken. Das begann bei Torhüter Manuel Neuer, und das nicht nur, weil er im Entscheidungsschießen den finalen Elfmeter von Romelu Lukaku parierte. Zuvor hatte Neuer die Position des Liberos mit ungewohntem Leben erfüllt. Schon bei den Abschlägen seines Kollegen Petr Cech lauerte er an der Mittellinie, einmal sprintete er vor bis ins Halbfeld und wuchtete den Ball per Kopfballtorpedo nach vorn. Der gerade eingewechselte Javier Martinez war nach einem Foul seines spanischen Landsmannes Fernando Torres reif für eine Auswechslung. Ein dritter Spanier, Guardiola, hat Torres dafür noch auf dem Platz das eine oder andere nicht sehr freundliche Wort entgegengebrüllt.

Martinez aber dachte überhaupt nicht daran, den Platz zu verlassen. Er stellte sich neben Mario Mandzukic als zweiter Mittelstürmer in den Londoner Strafraum und verwertete in der Nachspielzeit die vierte oder fünfte Münchner Riesenchance zum überfälligen Ausgleich.

Es war dieses ultraspäte 2:2 kein schön herausgespieltes Tor, eher ein Akt der Verzweiflung. Ein Tor, wie es nur eine Mannschaft zustande bringt, die unbedingt gewinnen will, auch ein vermeintlich unwichtiges Spiel. Das für einen Mann an diesem Abend eben nicht ganz unwichtig war. Es war die Art und Weise, wie die Bayern diesen Pokal erspielt und erkämpft und um alles gewollt hatten. Für Pep Guardiola, den erfolgreichsten Fußballtrainer der Gegenwart, der eben wegen dieser Erfolge immer unter Beobachtung steht.

Frank Ribéry sprach später die schönen Sätze: „Wir sind so glücklich, auch für den Trainer, denn wir wissen, dass es eine große Konkurrenz zwischen ihm und Mourinho gibt. Dieser Sieg war sehr wichtig für ihn, denn wir haben im letzten Jahr alles gewonnen, da ist es nicht einfach für ihn. Aber er ist ein richtig guter Trainer, er ist super für die Mannschaft, wir sind sehr zufrieden mit ihm.“ All das hat Franck Ribéry spontan und überraschend flüssig auf Deutsch zum Vortrag gebracht, da war nichts berechnet und nichts auswendig gelernt. Dafür spricht auch die sehr spezielle Zeremonie, mit der Ribéry sein Tor zum zwischenzeitlichen 1:1 gefeiert hatte. Mit einem Sturmlauf zur Trainerbank.

Da wächst etwas zusammen zwischen den Bayern und ihrem neuen Trainer. Deswegen genoss Guardiola jede Sekunde auf dem Rasen. Oben stand Michel Platini mit dem Pokal, aber die beiden würden schon nicht weglaufen. Sven Goldmann

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