Stille Erregung : Friedrich genießt Stimmung bei WM

Für Ariane Friedrich wird ihre Bronzemedaille durch die packende Stimmung im Olympiastadion zum unvergesslichen Erlebnis. Die Fans hören auf sie – und jubeln ihr zu.

Frank Bachner
Friedrich
Unvergesslich. Die Stimmung im Olympiastadion ist packend. Die Fans hören auf Ariane Friedrich - und jubeln ihr zu. -Foto: dpa

Natürlich tippte einer sofort seine ganze Häme in die Tasten. Oh, wie sehr er sich freut, schrieb ein Zuschauer in seiner Mail an Günter Eisinger, dass diese Zicke, diese arrogante Tante, dass Ariane Friedrich also nur Bronze gewonnen hatte. Und nicht Gold. Leute, die so denken, wird es immer geben, der Trainer Eisinger weiß das. Und trotzdem, sagt er verbittert, „es tut weh“.

Es muss nicht weh tun. Millionen Menschen werden Ariane Friedrich dieses Bronze im Hochsprung gegönnt haben. Man kann die Zahl leicht hochrechnen, man muss bloß noch mal diese Stimmung aufnehmen im Olympiastadion. Fast 60 000 völlig begeisterte Zuschauer stehen für unzählige Fans am Fernseher. „Es waren magische Momente“, sagt Friedrich am Tag danach. Sie erschaudert immer noch. Nie zuvor in ihrem Leben war sie emotional so verschmolzen mit den Zuschauern wie bei diesem Hochsprung-Finale.

Als die Latte bei 2,02 Metern lag, als Ariane Friedrich im dritten Versuch kurz davor stand auszuscheiden, da begannen die Zuschauer im Stadion zu klatschen. Rhythmisch, anfeuernd, aufputschend. Aber die 25-Jährige drehte sich langsam zu den Rängen um, legte den Finger an den Mund und bat schweigend um Ruhe. Und dann erlebten 60 000 ein erregendes Schauspiel: Der Lärmpegel sank innerhalb einer Sekunde, er sank so tief, dass in dieser riesigen Betonschüssel absolute Stille herrschte. Fast 60 000 Menschen hörten auf die Bitte einer Frau, die als kalt und zickig galt. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Eisinger. „Ich behaupte, noch nie hat eine Leichtathletin 60 000 Menschen zum andächtigen Schweigen gebracht.“

Der Jubel brach eine Minute später los, nachdem Friedrich die 2,02 Meter überquert hatte. Dieser Jubel vermischte sich mit dem Urschrei der Ariane Friedrich. Sie mischte weiter mit in diesem Wettbewerb, der auf das Duell Friedrich gegen Vlasic reduziert worden war. Blanka Vlasic, die Titelverteidigerin aus Kroatien, gewann am Ende Gold. Aber noch vor die Deutsche, die nicht höher kam als 2,02 Meter, schob sich die Russin Anna Tschitscherowa. Die Atmosphäre war auch deshalb so erregend, weil Friedrichs Rivalinnen nach guten Versuchen ebenfalls begeisterten Applaus erhielten.

Natürlich wollte die Deutsche Gold, aber sie war nicht so darauf fixiert wie viele Fans und Beobachter. Sie ist WM-Neuling, sie springt erst seit zwei Jahren in der Weltspitze, diese Feinheiten gingen im Bild der coolen Weltklassespringerin, die Psychotricks einsetzt, immer unter. Sie ist keine Maschine, sie spürte „extremen Druck“. Als sie auf der Anlage wartete, spurtete Usain Bolt hinter ihr vorbei auf seinem Weg zum 200-Meter-Weltrekord. Schon dieses Ereignis riss sie aus ihrem Tunnelblick. Die Weltklassespringerin Friedrich verwandelte sich in den Fan Friedrich, der die Magie des Augenblicks in sich aufsog. „Wann hat man das mal, dass man einen solchen Weltrekord live erlebt?“ Selten. Aber sie war dadurch auch aus ihrer Konzentration gerissen.

Die Hochspringerin Friedrich hat unendlich viele Eindrücke aufgesogen. Und sie schildert ihre Gefühle mit solch verklärtem Blick, als hätte Bolt seine Weltrekorde ihr gewidmet. Die jungen Männer, die auf den Oberkörper „Ariane“ gepinselt hatten, die Transparente mit ihren Namen, das alles transportierte ja auch die Botschaft, dass das Klischee von der arroganten Zicke hier keine Rolle spielte. „Diese Stimmung war unglaublich“, sagt Friedrich.

Aber sie durfte sich nicht von dieser Stimmung ganz vereinnahmen lassen, ein reiner Selbstschutz, es ging schließlich um Gold. Also verkroch sie sich vor dem entscheidenden Sprung über 2,06 Meter unter ihrer großen, schwarzen Regenjacke. Für ein paar Sekunden wurde sie geschützt vom Gefühl, eine Rückzugsmöglichkeit gefunden zu haben. Unter dieser Jacke brüllte sie sich selber an. Sie benötigt diese Aggressivität. Aber sie benötigt auch Ruhe, deshalb der Zeigefinger. Bei rhythmischem Klatschen läuft eine Athletin unbewusst einen Tick schneller als sonst, dann stimmt der Anlauf nicht mehr.

Bei diesem Sprung war er trotz der Stille auch nicht optimal, sie sprang zu dicht an der Latte ab. „Die Höhe hatte ich ja“, sagt sie. Ariane Friedrich bleibt natürlich eine Weltklassespringerin, Bronze bestätigt das nur. Vielleicht will sie nur verhindern, dass wieder Druck aufgebaut wird, vielleicht redet sie sich deshalb kleiner, als sie sportlich wirklich ist. „Man spricht ja immer vom Duell zwischen mir und Blanka.“ Aber nun gehe es doch um den Zweikampf zwischen Blanka und Anna. „Da bin ich ja erstmal raus.“

Da ist sie natürlich nicht raus. Der Zweikampf war immer auch eine dramaturgische Zuspitzung, es machte den Wettkampf reizvoller. Ariane Friedrich hatte immer erwähnt, dass es weitere Medaillenkandidaten gebe. Sie ist einfach Teil einer kleinen Weltklassegruppe.

Und ihren Status hat sie auch schriftlich, Eisinger wird ihr das gerne bestätigen. Er hatte zwar eine Mail mit Beschimpfungen erhalten. Aber auch 120, in denen Ariane Friedrich gefeiert wird.

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