Sport : Stille Reserve

Kaiserslautern hat Probleme mit dem Umbau des WM-Stadions – andere Städte würden gerne einspringen

Stefan Hermanns

Berlin. Wolfgang Niersbach hat in seinem Berufsleben schon manch kritische Situation überstanden. Von einer erzählt er besonders gern. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien war es, Deutschland hatte gerade das Halbfinale erreicht, doch Teamchef Franz Beckenbauer tobte, als hätte die Mannschaft nicht 1:0 gewonnen, sondern 0:5 verloren. In dieser Situation musste Niersbach als Pressechef des Deutschen Fußball-Bundes Beckenbauer für ein Interview vor die Fernsehkamera holen. Niersbach versuchte notdürftig, den wilden Kaiser zu beruhigen, und tatsächlich sagte Beckenbauer dann vor der Kamera: „Ich muss meiner Mannschaft ein Kompliment machen.“

Vielleicht haben solche Erfahrungen aus Niersbach einen gelassenen Menschen gemacht. Inzwischen ist er Vizepräsident im Organisationskomitee (OK) für die WM 2006 und „relativ gelassen“, wenn es um das Thema Kaiserslautern geht. „Das brennt uns nicht auf den Nägeln“, sagt er. „Wir stehen zum Austragungsort Kaiserslautern.“

Auf seiner Internetseite zur WM 2006 verkündet der Weltverband Fifa, dass der Umbau des Fritz-Walter-Stadions im Jahr 2003 bei laufendem Spielbetrieb abgeschlossen werde. Inzwischen ist der Zeitplan gehörig durcheinander geraten. Seit dem 6. Januar ruhen die Arbeiten an der Osttribüne, und am Freitag hat der 1. FC Kaiserslautern den Vertrag mit der insolventen Baufirma Holzmann gekündigt. Ursprünglich sollte die Osttribüne bereits Ende November fertig sein.

Das OK war schon länger über die Situation in Kaiserslautern informiert, eine echte Gefahr sähe Niersbach aber erst, „wenn der Verein sagt: Wir schaffen es nicht“. Mit knapp 19 Millionen Euro soll der FCK sich an den 48,5 Millionen Euro Umbaukosten für das Fritz-Walter-Stadion beteiligen. Angesichts der finanziellen Schwierigkeiten des Klubs werden die kritischen Stimmen jedoch immer lauter, die sich im Zweifel gegen die WM aussprächen. Drei Vorrundenspiele seien es nicht wert, dass dafür die Existenz des Klubs aufs Spiel gesetzt werde. Für „fatal“ hielte Wolfgang Niersbach einen Rückzug Kaiserslauterns, „die Südwestregion sollte integriert sein“.

Das OK jedenfalls besitzt laut Niersbach „keine Alternativpläne – weil wir nicht unter Zeitdruck stehen. Wir haben alle Optionen“. Notfalls gäbe es eben nur zehn oder elf WM-Städte, aber solche Überlegungen seien zurzeit rein hypothetisch: „Wir stehen zu den zwölf Austragungsorten.“ Außerdem gibt es ja auch noch drei quasi inoffizielle Ersatzkandidaten, jene drei Städte nämlich, die bei der Kür der WM-Orte im April des vergangenen Jahres nicht berücksichtigt worden sind: Bremen, Düsseldorf und Mönchengladbach. Bisher, so sagt Niersbach, habe das OK mit keiner dieser Städte Kontakt gehabt.

Für „sehr, sehr begrenzt“ hält Franz Böhmert die Aussichten, dass Bremen doch noch Austragungsort wird. Er wolle auch nicht vom Missgeschick eines anderen profitieren, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende des SV Werder, zumal „der Standort Kaiserslautern nach meinen bisherigen Informationen nicht gefährdet ist“. Ändern könne sich das allenfalls, wenn der FCK beim Umbau des Stadions aus Kostengründen die WM-Normen nicht einhalten wolle. „Dann müsste man neue Überlegungen anstellen“, sagt Böhmert. Eine Entscheidung darüber erwartet er in diesem Frühjahr, wenn der 1. FC Kaiserslautern die Lizenzunterlagen für die neue Saison einreichen muss.

Um das Unternehmen WM in der Pfalz zu retten, sollen das Land Rheinland-Pfalz, die Stadt Kaiserslautern und die Banken eine Projektgesellschaft gründen, die die Umbaukosten trägt und dafür an der Vermarktung des Stadions beteiligt würde. Doch obwohl der FCK so etwas wie der rheinland-pfälzische Staatsverein ist, wäre ein finanzielles Engagement des Landes politisch zurzeit nur schwer zu vertreten. Im vorigen Jahr hat Rheinland-Pfalz die Förderung für die Sportvereine um vier Millionen Euro gekürzt.

Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin sagt, er habe bereits vor drei Jahren darauf hingewiesen, dass es mehr als gefährlich sei, „wenn man die Vereine in die Finanzierung neuer Stadien einbeziehe“. In Düsseldorf, der Heimat der viertklassigen Fortuna, zahlt die Stadt den Neubau des Rheinstadions. Im Herbst 2004, sagt Erwin, werde Düsseldorf das modernste Stadion Europas haben. Die Stadt könnte also als Ersatz für Kaiserslautern einspringen. „Wir werden uns nicht aufdrängen“, sagt Erwin, „das wäre nicht fair. Schließlich hat man uns nicht gewollt. Aber wir sind bereit.“

Auch in Mönchengladbach wird gerade ein WM-taugliches Stadion gebaut, im Sommer 2004 soll es fertig sein. Borussia Mönchengladbach hat die ursprünglichen Pläne für die neue Arena auch nach dem negativen Votum des OK nicht mehr geändert. Wer weiß, wozu es noch einmal gut sein könnte? „Wenn wir gebeten würden einzuspringen, werden wir darüber nachdenken“, sagt Adalbert Jordan, der Präsident von Borussia Mönchengladbach. Die Entwicklung in Kaiserslautern aber „wollen wir nicht beklatschen“.

Im April, nach der Entscheidung über die WM-Orte, hatten alle drei unterlegenen Städte das OK aufgefordert, einen offiziellen Ersatzkandidaten zu benennen. Dies aber wurde abgelehnt. Ein Ranking habe es nie gegeben, sagt Düsseldorfs Oberbürgermeister Erwin, müsse es auch nicht: „Gutes setzt sich eh durch.“

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