Sport : Stillstand auf hohem Niveau

Manchester United sucht den neuen Ronaldo und entdeckt seine Altmeister Ryan Giggs und Paul Scholes

Raphael Honigstein[Manchester]

Als sich im Sommer abzeichnete, dass Manchester United die vakante Stelle des Matchwinners, Goalgetters, Dribbelwunders und Freistoßkünstlers intern besetzen werden würde, brachten sich einige Kandidaten in Position. „Ich bin bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen“, erklärte Stürmer Wayne Rooney nach Cristiano Ronaldos Abschied zu Real Madrid. Dimitar Berbatow, dem von Trainer Alex Ferguson 2008/09 „eine komische Saison“ beschieden wurde, versprach „Tore, mehr Tore“. Und Ronaldos Landsmann Nani, 22, sagte vollmundig seine eigene Beförderung voraus: „Ich will, dass die Leute von Nani reden, nicht mehr von Cristiano.“

Beim 2:0-Auswärtssieg gegen Stoke City sah es 56 Minuten lang wirklich so aus, als habe Manchester in Nani den nächsten Ronaldo gefunden. Leider erinnerte der Flügelstürmer mit gedankenarmen Läufen ins Nichts und egozentrischen Torschüssen aus unmöglichen Positionen jedoch lediglich an Ronaldos frustrierende Flegeljahre im Dress der Red Devils, nicht an den nahezu kompletten Weltklassespieler der vergangenen beiden Spielzeiten. In Ermangelung genialischer Momente wechselte Ferguson im Britannia Stadium beim Stand von 0:0 Routinier Ryan Giggs ein, der die Partie mit zwei präzisen Vorlagen für Berbatow und John O’Shea prompt für den Meister entschied.

„Giggs ist der neue Ronaldo“, schrieb der „Guardian“ in einer Liebeserklärung an den 35-Jährigen. Fünf Vorlagen und ein Ronaldesker Freistoßtreffer des Walisers beim 3:1 gegen Tottenham – „in der vergangenen Saison hätte ich den nicht schießen dürfen“, sagte Giggs – haben United zurück an die Tabellenspitze geführt. Beim 1:0 gegen Besiktas Istanbul in der Champions League, dem einzigen Match, das Giggs in dieser Spielzeit verpasste, traf bezeichnenderweise Paul Scholes, der zweite Altmeister des Teams. Der 34-Jährige ist mit einer Erfolgsquote von 92,6 Prozent derzeit der beste Passgeber der Liga.

Giggs und Scholes, die zusammen 1424 Pflichtspiele für United absolviert haben, sind mit ihrer Erfahrung und Effizienz stilbildend: Weil United die Neuausrichtung konsequent verschoben hat, drängen die Veteranen zurück. Sogar Ferguson, der vor der Saison „eine Verbesserung von innen heraus“ gefordert hatte, muss sich wundern, mit welcher Selbstverständlichkeit seine Elf ohne eine prominente Neuverpflichtung – Michael Owen ist in dieser Hinsicht zu vernachlässigen – schon wieder sieben Siege in Folge gesammelt hat. United spielt zwar seit dem Gewinn der Champions League 2008 nicht mehr jenen avantgardistischen Angriffsfußball der ständig changierenden Formationen, zeigt dafür aber, dass man auch mit Stillstand auf hohem Niveau weit nach vorne kommen kann.

Der serbische Verteidiger Nemanja Vidic gab vor dem Vergleich in der Champions League mit dem VfL Wolfsburg (20.45 Uhr, live auf Sky) das auf demütigende Weise gegen den FC Barcelona verlorene Champions-League-Endspiel als Motivation an: „Wir werden versuchen, es diese Saison besser zu machen.“ Aus der Niederlage Mut zu beziehen spricht für den Professionalismus des Teams. In weniger gefestigten Mannschaften hätte wohl noch in der Umkleidekabine ein Zersetzungsprozess begonnen.

In den Spitzenspielen gegen Arsenal (2:1) und Manchester City (4:3) zeigte sich aber, dass United noch immer in der Lage ist, problematische Situationen in Triumphe umzuarbeiten. Die Angst vor den Standpauken von Trainer Alex Ferguson ist wohl größer als die Furcht vor Niederlagen. Wenn im Frühjahr die Kräfte der Oldies schwinden, könnte sich Ronaldos Abschied gegen Europas Topteams doch stärker bemerkbar machen. Wolfsburg darf einstweilen aus anderem Grund hoffen: In Keeper Edwin van der Sar, 38, fehlt ein dritter Routinier verletzt. Nun wird Ben Foster spielen, ein englischer Nationaltorwart mit der diesem Amt entsprechenden Leistungsschwäche – mindestens drei Gegentore hat der 26-Jährige schon verschuldet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar