Stiloffensive (19) : Der russische Club der toten Dichter

An dieser Stelle schreibt Esther Kogelboom im Wechsel mit Verena Friederike Hasel über die modischen Verirrungen bei der EM. Heute wünscht sie sich Andrej Arschawins Jugend zurück.

Kogelboom
Esther Kogelboom, Tagesspiegel-Kolumnistin.Foto: Tsp

Dieser junge Russe hat einen lupenreinen Doppelgänger. Er heißt Robert Sean Leonard und ist besser bekannt in seiner Rolle als Neil Perry in „Der Club der toten Dichter“. Perry ist der schauspielbegabte Schüler, der sich nach einer furiosen Darstellung des Puck im Sommernachtstraum und einem sich anschließenden Streit mit seinem Vater das Leben nimmt. (Keine suicidal tendencies bei Andrej Arschawin – nur übergroße Ähnlichkeit. Robert Sean Leonard spielt übrigens heute bei Dr. House mit, aber das nur am Rande.)

Russische Winter konservieren. Oder weshalb wirkt der 1981 in Leningrad geborene Andrej Arschawin sonst so, als sei er mit Ach und Krach der C-Jugend entwachsen?

Die Russen stellen das jüngste Team bei der EM, das weiß inzwischen jedes Kind. Ein kluger Entschluss von Trainer Guus Hiddink. Bis jetzt hat sein ganz persönlicher Club der toten Dichter sich tapfer gehalten – trotz der als verbrieft geltenden Feierlust der jungen Russen.

Im Anschluss an den Sieg über die Niederländer sei nicht auf russische Weise gefeiert worden, erklärte Guus Hiddink. Er habe allerdings auch nicht in den Hotelzimmern seiner Jungs nachgeschaut. Zustände wie auf Klassenfahrt: Der gütige Herbergsvater drückt beide Augen zu.

Zurück zum russischen Puck, der in seiner Heimat ein Superstar ist und sich gerne ein paar Extravaganzen gönnt. Zum Beispiel fährt er mit der Limousine vor, während der Rest der Mannschaft noch im Bus sitzt. Und Arschawin hat – man stelle sich das bei einem deutschen Spieler, beispielsweise Miro Klose, vor – aus Jux und Dollerei mal eben Modedesign studiert, obwohl er bereits ein vielversprechender Fußballspieler war. Seine eigene Kollektion hängt in den Läden.

Heute Abend geht es für die Russen also gegen Spanien, da muss der wortkarge Andrej Arschawin die Schnittmuster beiseite legen und sich anstrengen. Carpe diem – Nutze den Tag.

Andrei Arshavin
Russland, ein Sommernachtstraum. Hier zaubert Puck, also Andrej Arschawin, mit dem Ball.Foto: AP

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