Stiloffensive (7) : Bitte mehr Mut zur Stirn!

An dieser Stelle schreibt Esther Kogelboom im Wechsel mit Verena Friederike Hasel über die modischen Verirrungen bei der EM. Heute würde sie gerne mit Magnin in der Natur grillieren

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom, Tagesspiegel-Kolumnistin.Foto: Tsp

„Ludovic Magnin (Schweiz) konzentriert sich unter Mithilfe von Musik“, steht in der Bildbeschreibung des Fotos rechts unten. (Schade, dass nicht erwähnt wird, was Magnin hier hört – so wie er ausschaut, sicher Rammstein oder Kiss. Und es hat auch nichts genützt, betrachtet man das traurige Schicksal der Schweizer.)

Interessant, dass Magnin hier die drei typischen Überlebensinsignien des modernen Großstadtbewohners zeigt: was zum Umhängen, was to go und einen iPod. Die drei Objekte haben es von der Uniform des internationalen Business-Travellers bis auf den Fußballplatz geschafft. Fehlen eigentlich nur noch der Rollkoffer und das Handelsblatt. Im Stadion wirkt diese Ausrüstung trotzdem deplatziert. Warum kapselt der sich ab? Nerven ihn die Gesänge der Zuschauer?

Doch es wartet auch Positives darauf, erwähnt zu werden. Es ist zwar ein bisschen schwierig, das so Offensichtliche anzusprechen, aber … naja, richten wir den Blick tapfer auf Magnins hohe Stirn, der auch mit hoch dosiertem Koffein-Shampoo wahrscheinlich nicht mehr beizukommen ist.

Magnin
Schade, für ihn ist die EM schon vorbei. Dafür hat Ludovic Magnin jetzt mehr Zeit für seine Kinder - und Playlists.Foto: Imago

Trägt Magnin seine Halbglatze mit der notwendigen Würde? Eigentlich ja! Er widerstand einfach der Versuchung, sich bei beginnender Geheimratsecken-Tendenz gleich das komplette Haupthaar abnehmen zu lassen. Er überspielt sie weder mit Kopftuch noch Mütze noch mit Implantaten. Sehr gut, tapfer und irgendwie cool. Hier verdrängt einer sein Problem nicht länger, sondern macht ein Konzept draus. Das nennt man offensiv. Und für Offensivität ist Magnin ja auch außerhalb des Badezimmers bekannt.

Ein Mann wie Magnin ist ein, nun, leuchtendes Vorbild für die Jugend. Trifft sich gut, dass er früher Grundschullehrer gelernt hat. Und auf die Frage, was er in seiner Freizeit am liebsten macht, sagte er einmal: „Grillieren, irgendwo draußen in der Natur. Das haben meine Eltern mit mir gemacht, und meine Kinder genießen das genau so.“

Falls Ludovic Magnin sich zum Grillieren ausnahmsweise vom iPod abstöpselt und zur Gitarre greift, sind diese Kinder ernsthaft zu beneiden.

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