Stiloffensive (9) : Piratentuch und Kita-Atmo

An dieser Stelle schreibt Esther Kogelboom im Wechsel mit Verena Friederike Hasel über die modischen Verirrungen bei der EM. Heute feiert sie den neuen Fußball-Mann.

Kogelboom
Esther Kogelboom, Tagesspiegel-Kolumnistin.Foto: Tsp

Als manchmal hilflose Spezialistin für stilistische EM-Besonderheiten wäre man ohne die SMS von Freunden total aufgeschmissen: „Italienischer Torhüter Piratentuch!!“, „Buffon mit Autonomentuch“, „Buffon = Cowboy :-)“. So sieht jeder in Gianluigis schwarzem Lappen, den er sich anlässlich des Spiels gegen Rumänien umgebunden hatte, was er sehen will.

Wahrscheinlich vereinigt Gianluigis Halsschmuck ein bisschen von all dem in sich. Aber dass der Lappen irgendwie wild und gefährlich rüberkommen soll, darin könnte man übereinkommen. Torhüter wollen ja gern mal so wirken; wir erinnern uns starr vor Angst an Oliver Kahns Sturmfrisur und seinen Werbefilm für „Lion“-Schokoriegel. Buffon, einer der teuersten Torhüter der Welt, mit einem Requisit aus „Fluch der Karibik“, „1. Mai - Helden bei der Arbeit“ und „Verdammt in alle Ewigkeit“. Der Millionär kokettiert mit einem Markenzeichen der Underdogs, warum nicht. Dass das authentisch italienisch ist, kann man öfter mal beim Pizzabäcker des Punk-Italo-Restaurants „Due Forni“ beobachten.

EURO 2008 - Italien - Rumänien
Sitzt, wackelt und hat Luft. Italiens Nationaltorwart Gianluigi Buffon mit seinem Autonomen-Spucktuch.Foto: dpa

Oh, da kommt noch eine SMS: „Kita-Atmo nach Holland-Sieg.“ Stimmt. Kleinkinderweitwurf scheint die neue Ehrenrunde zu sein. Früher lief man als Gewinner eines Spiels noch im Kreis umher und beklatschte die Fankurven, heute eilt man schnellstmöglich zur Frau und lässt sich das verwirrte Kleinkind über die Bande in den Arm werfen – um es stolz wie einen Pokal ins Flutlicht zu halten. Bei den Holländern geht es zu wie in einer großen Famiglia, da weiß man gar nicht mehr, welches orangefarbene Bambino zu welchem Spieler gehört. Nur noch eine Frage der Zeit, bis die Holländer mit vor die Brust geschnallten Säuglingen auflaufen, damit die Spielerfrauen in Ruhe feiern gehen können.

Ein Hoch auf den neuen Mann.

Ah, das muss es sein: Gianluigi Buffon ist gar nicht wirklich wild! Er hat bloß vergessen, vor dem Spiel sein Autonomen-Spucktuch abzulegen! Am 28. Dezember wurde er Vater des kleinen Louis Thomas.

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