Stiloffensive : Lukas Pogolskis Stadionrock

An dieser Stelle schreibt Esther Kogelboom im Wechsel mit Verena Friederike Hasel über die modischen Verirrungen bei der EM. Heute: Esther Kogelboom über den König von Schland

Kogelboom
Esther Kogelboom, Tagesspiegel-Kolumnistin.Foto: Tsp

Wie, schon Finale? Die Zeit verging wie im Flug. Vor allem für Lukas Podolski, der nach dem Sieg gegen Russland eine bislang unbekannte Form des Jubelns erprobte: Er stürzte sich – offenbar laut schreiend – über die Sicherheitskräfte in ihren gelben Lagerfeld-Warnwesten ins Publikum wie sonst nur entfesselte Rockstars beim Stage Diving. Betrachtet man Poldis fast schon verzweifelt wirkende Suche nach Körperkontakt und Massen-Pogo, bekommt das Wort „Stadionrock“ eine ganz neue Dimension. Und für die überrumpelten Fans erfüllt sich der Einwechseltraum ein bisschen: das Gefühl, man sei Teil der Mannschaft, der zwölfte Mann. Auch die beiden Maskottchen der EM hat der Lukas bereits beherzt umgenietet.

Pogolski – der Kung-Fu-Panda unserer Nationalmannschaft. Vielleicht geht seine Stage-Diving-Jubelgeste genauso in die bundesdeutsche Gestengeschichte ein wie die inzwischen klassisch zu nennende Beckerfaust. Angst, dass er fallen gelassen wir, braucht er jedenfalls nicht zu haben.

Unsere Spieler sind sowieso überraschend häufig bemüht, auch dem daheim- gebliebenen Fan Dankesgrüße zu übermitteln. Besonders mit Hilfe des Mediums Monica Lierhaus. Es ist offenbar ein Reflex: Sobald ein Spieler Frau Lierhaus erblickt, übermittelt er durch sie die herzlichsten Grüße an die Fernseher – ganz wohlerzogen, überaus lieb. Man darf gespannt sein, wie die vom heutigen Spielergebnis unabhängige Dankesorgie am Montag in Berlin ausfällt. Massenkuscheln am Tiergarten: Schade, dass der Christopher Street Day dann schon vorbei ist. Leider besteht auch nur eine verschwindend geringe Chance darauf, dass Jörn Kubicki heute mit einem „Miss-Wowereit“-Shirt im Stadion neben dem Regierenden sitzt.

Ganz unwichtig, wie struppig-verlaust der Bart, wie kreisrund die Tonsur im Lockenmeer, wie weißblond gebleicht die Haarfarbe und wie Kung-Fu-Pandahaft die Freude. Unsere Nationalelf sieht im Großen und Ganzen prima aus. Die Männer, die Deutschland ein paar Wochen lang in ein lustiges Schland verwandelt haben, müssen jetzt nur noch eines: gegen Spanien haushoch gewinnen. Damit auch die Fans einen waschechten Grund mehr haben, richtig dankbar zu sein.

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