Sport : Stilvoller Triumph

Der Bulgare Wesselin Topalow ist neuer Schach-Weltmeister – er spielte Risiko bis zum letzten Zug

Martin Breutigam

Als für Wesselin Topalow nach einer zähen, fast vier Stunden dauernden Verteidigung ein Remis, das ihn zum Schachweltmeister machen sollte, endlich greifbar schien, machte er es noch einmal spannend. Turm nach g3 – welch verrückte Idee! Ein überflüssiges Opfer statt eines Sicherheitszuges? Falsch. Der 30-jährige Bulgare hatte auch gegen Rustam Kasimdschanow aus Usbekistan alles präzise berechnet. Wie so oft in der argentinischen Provinzstadt San Luis, bei der WM des Weltschachbundes Fide. Sieben Züge später bekam Topalow sein Remis, aus einer Position der Stärke. Es war ein Ende mit Stil. Nun, nach 13 von 14 Runden, konnte ihm niemand mehr den Turniersieg streitig machen. „Ich bin sehr glücklich“, sagte der neue Weltmeister. Glücklich und um 300 000 US-Dollar reicher.

Das Jahr 2005 ist alles andere als eine Fußnote in der Schachgeschichte. Zunächst betrübte Garry Kasparow, der wohl beste Spieler aller Zeiten, Schachliebhaber in aller Welt mit seinem Rücktritt. Danach brach übergangslos die Ära eines anderen an: Topalow. Im Frühjahr schlug er im spanischen Linares Kasparow, dessen Karriere endete damit. Danach siegte Topalow auch beim Weltklasseturnier in Sofia. Und die Art, mit der er in San Luis seine sieben Konkurrenten abfertigte – zur Hälfte des Turniers hatte er schon 6,5 Punkte von sieben möglichen gesammelt –, erinnerte an den legendären Weltmeister Bobby Fischer. Topalow fühlt sich von solchen Parallelen aber keineswegs geschmeichelt. „Bitte, vergleicht mich nicht mit Fischer. Ich war einfach gut in Form. Das ist alles.“

Von seiner Aggressivität auf den 64 Feldern ist abseits davon nichts zu spüren. Er ist ein freundlicher Mann, der mit seiner ruhigen, hohen Stimme mehr Bescheidenheit ausstrahlt, als es der Situation angemessen erscheint. Andere beurteilen seine Künste weniger zurückhaltend. Artur Jussupow, amtierender Deutscher Meister, meint sogar, „bei solchem Superschach“ könne niemand mithalten. Für ihn ist Topalow mehr als ein würdiger Weltmeister. „Wenn man versucht, seinen Stil mit anderen zu vergleichen, dann am besten mit Kasparow. Er ist immer sehr gut vorbereitet, hat sehr viele Ideen, aber was ihn auch auszeichnet, ist dieser Mut zum Risiko.“

Silvio Danailow hält den Leistungssprung seines Freundes für „das Produkt langjähriger harter Arbeit“. Er hat Topalow, der in der kleinen Donaustadt Russe aufwuchs, schon als Jugendlichen gekannt. Seit 1991 arbeitet er mit dem damals 16-Jährigen zusammen, zunächst als Trainer, heute als Manager. Gemeinsam verließen sie ihre Heimat und zogen nach Salamanca in Spanien. „Damals war Spanien das Mekka des Schachs, und wenn man Berufsspieler werden und Fortschritte machen wollte, musste man eben dahin gehen“, sagt Danailow. Der einstige Jugendweltmeister Topalow wurde 1992 Großmeister. Vier Jahre später tauchte sein Name erstmals in den Top Ten auf.

Seit dem Frühjahr 2004 arbeite er noch härter an sich, sagt Topalow. Er gehe abends kaum noch aus. Mit professioneller Hilfe habe er seine zeitweilige Angst vor dem Gewinnen überwunden, insgesamt sei er gefestigter geworden. Das spiegelt sich auch in der Weltrangliste wider: In den letzten zwölf Monaten hat Topalow 50 so genannte Elopunkte gewonnen und kletterte von Platz sieben auf drei, hinter dem inaktiven Kasparow und Anand, den er in der nächsten Liste wohl überholen wird.

Dass er den Titelgewinn ausgerechnet in einer Partie gegen Kasimdschanow sicherstellte, dürfte ein jüngeres Trauma verscheucht haben: Bereits bei der umstrittenen Fide-WM im vorigen Jahr in Libyen war Topalow favorisiert, weil andere Stars die WM boykottierten. Zunächst schaltete er seine Gegner auch nach Belieben aus, holte 9,5 Punkte aus zehn Partien. Doch die kurze Bedenkzeit und der K.o.-Modus gaben dem Zufall damals viel Raum, so dass er im Halbfinale gegen Außenseiter Kasimdschanow, den späteren Weltmeister, ausschied.

Mittlerweile ist die Fide bemüht, ein seriöses WM-System zu etablieren. Das hochklassige Turnier in San Luis war ein Neuanfang. Künftig soll es eine Mischform aus K.o.-Modus und anschließenden Kandidatenkämpfen geben, wie sie früher üblich waren, bis Kasparow 1993 die Fide verließ und einen eigenen Verband gründete. Und was wird derweil aus Wladimir Kramnik, dem Kasparow-Bezwinger und so genannten klassischen Weltmeister? Dessen sportliche Zukunft liegt nun nicht zuletzt in den Händen des neuen Fide-Weltmeisters. Es bleibt abzuwarten, ob Topalow einem Vereinigungskampf der beiden WM-Titel zustimmt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar