Stimmung bei der Frauen-WM : La Ola und Likörchen

Alle Spiele der deutschen Frauen sind ausverkauft, die Atmosphäre ist fröhlich und familienfreundlich. Aber wer geht bei der WM eigentlich ins Stadion? Eine Fan-Spurensuche

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Das Naturstadion hat heute geschlossen. Denn die „Fangemeinde Naturstadion“ ist auf Reisen. 13 Frauen aus Mühlheim haben sich an diesem Dienstagmorgen auf den Weg zum Mönchengladbacher Stadion gemacht, um das letzte Gruppenspiel der deutschen Frauen gegen Frankreich zu sehen. Sie haben sich liebevoll herausgeputzt mit selbstgeschneiderten Kleidchen in schwarz, rot und gold, sind reichlich bemalt und großzügig beflaggt, eine trägt sogar einen echten Deutschland-Iro. Sie trinken Likörchen aus Plastik-Wasserflaschen und wollen nun nur noch eins: „Die Mädels sehen!“

Deutschland hat seine Utensilien wieder ausgepackt. Hüte, Hawaii-Ketten, Schminke, Fahnen: Die meisten Deutschen sind seit der WM 2006 gut ausgestattet. Nur, dass in diesem Sommer auf den Trikots auch die Namen Popp, Bajramaj und Prinz zu lesen sind und nicht nur Gomez, Özil und Ballack. Die Fans sind fröhlich, nicht ausgelassen. Sie machen die Welle und keinen Krach. Im Stadion singen sie „Oh wie ist das schön“, sonst singen sie wenig. Es gibt Pfiffe, aber keine Schmähungen. Kinder schießen auf Torwände, es gibt Zuckerwatte. Die WM ist ein großes Familienfest.

Dass es kaum echte Frauenfußball-Fans gibt, zeigt sich nicht nur in den leeren Stadien der Frauen-Bundesliga, sondern auch in den vollen WM-Stadien. Carla Jansen und ihre zwölf Kumpaninnen – Freundinnen, Schwestern, Töchter, Nichten, Schwiegermütter – haben zwei Stunden vor dem Anpfiff schon einige Plastikfläschchen geleert. Ihr „Naturstadion“ ist eigentlich nur ein Garten mit Leinwand, Private Viewing. Dort schauen sie seit 2006 alle großen Fußballspiele. Die Frauen haben sie zum ersten Mal ins Programm genommen, sonst ist alles wie immer. Nur die eigene Website schläft, „weil der Administrator nichts von Frauenfußball hält“, sagt Carla Jansen.

Fan Thomas hat sich gerade eine Currywurst geholt. Seine Freunde Alex, Jürgen und Michael haben noch ein Bier genommen. Alle tragen ein Deutschlandtrikot, zwei schwarze und zwei weiße, ohne Namen auf dem Rücken. Sie sind aus Koblenz gekommen, „ohne Frauen“, sagt Thomas. „Und wir sind alle hetero!“ Als würde man beim Frauenfußball höchstens schwule Männer erwarten.

Eventfans mischen sich mit Familien, Schulklassen mit älteren Pärchen. Die meisten haben Tickets für ein oder zwei Spiele gekauft. Fans, die der deutschen Mannschaft hinterher reisen, findet man kaum. Trotzdem waren alle Spiele der deutschen Frauen in Rekordzeit ausverkauft. Im Bus zum Stadion stehen die glücklichen Kartenbesitzer dicht gedrängt, der Busfahrer umgeht den Stau und fährt über die Dörfer. Bei Kothausen fangen Alexandra Antonopoulus und Melvyn Morgan an zu erzählen. Sie ist Deutsche mit griechischen Wurzeln, er ist ein Engländer, der seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt. Vorige Woche waren sie in Dresden und haben sich England gegen Neuseeland angesehen. „Das hier ist das Ausgleichsspiel“, sagt Antonopoulus. Sie trägt eine goldene Sonnenbrille und ein schiefes Deutschland-Hütchen, ihr Freund hat eine Hawaii-Kette umgehängt. „In Dresden musste sie auch rot-weiß tragen“, sagt er.

Melvyn Morgan hat in Essen-Schönebeck und dem FCR Duisburg zwei Frauen-Bundesligavereine in seiner Nähe, hingegangen ist er noch nie. „Ich habe keine Ahnung, wo das Stadion ist“, sagt der 56-Jährige. Die beiden finden es gut, dass es keine Aggressionen im Stadion gibt. „Es ist sehr familiär“, sagt Antonopoulus, die mit Fußball sonst wenig am Hut hat. „Es erinnert mich an Baseball-Spiele in den USA.“ Und Morgan sagt: „Manchmal klatschen die Leute, wenn auf dem Spielfeld gar nichts passiert.“ Dafür dreht La Ola unermüdlich ihre Runden durch die Stadien. „Es ist viel entspannter als bei den Männern“, findet auch Currywurst-Thomas. Schlecht sei das nicht, „im Gegenteil“.

„Sommermärchen-Fortsetzer“ hat ein anderer Fan auf sein T-Shirt drucken lassen. Klar müsse man hingehen, „wenn schon mal WM im eigenen Land ist“, sagt Christian. Er trägt ein Marko-Marin-Trikot und hat seinem jüngeren Bruder die Karte zum Geburtstag geschenkt. 2006 war der Beginn einer deutschen Fankultur, jeder erinnert sich gern an diesen Sommer, der zum Märchen wurde. Das Prinzip „Fahne raus und Gute Laune anknipsen“ scheint auch bei den Frauen zu funktionieren. Normalerweise findet man Christian und seinen Bruder eher in den Stadien in Frankfurt am Main und Bremen, Männer-Bundesliga natürlich. Christian hat schon mal ein Frauen-.Spiel in Bad Neuenahr gesehen, vor weniger als 300 Zuschauern. „War okay“, sagt er. „Ist halt wie ein Kreisligaspiel.“ Bei den 13 Frauen aus Mühlheim geht die Liebe tiefer. Klar interessiere sie sich für Frauenfußball, brüllt Carla Jansen und nimmt noch einen Schluck. Als um sie herum eher ablehnendes Gegrummel entsteht, korrigiert sie sich. „Naja, also die Nationalmannschaft gucken wir schon. Und die U-20-WM haben wir auch geschaut.“

Erst vor neun Monaten wurde der offizielle Fanklub der Frauen-Nationalmannschaft gegründet, als Untersektion des Männerfanklubs. Genaue Angaben zur Zahl der Frauenfans unter den Mitgliedern gibt es nicht, allerdings seien rund 3000 Fans durch Aktionen rund um die WM dazugekommen, heißt es vom Fanklub. Niemand wagt eine Prognose, ob sich das Interesse in zwei Wochen wieder auf knapp über null abkühlt. Zumindest die Trikots werden bleiben. Zum ersten Mal gibt es ein eigenes Trikot der Frauen. Britta und Christina haben sich jede eins gekauft, für 60 Euro das Stück. Dafür gab es das passende Haarband in schwarz-rot-gold gleich dazu. Die Karten haben sie sich schon in der ersten Runde des Ticketverkaufs geholt, das war 2009. Die 16-jährige Britta hätte selbst gern Fußball gespielt. Seit sie vier ist, träumt sie davon. „Aber meine Eltern haben es mir nicht erlaubt“, sagt sie. Jetzt macht sie einen Schiedsrichterlehrgang und spielt zumindest in der Schule Fußball. „Wer weiß, was sonst gekommen wäre“, sagt sie und blickt hinunter auf den Rasen, wo sich die Spielerinnen warmlaufen. „Vielleicht wäre ich dann heute dabei.“

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