Sport : Störung des Unterbewusstseins

Richard Leipold

Huub Stevens war noch einmal davongekommen. Als er auf dem Podium saß und das Scheinwerferlicht auf sein wie immer nach hinten gekämmtes Haar fiel, konnte jeder sehen, dass es noch genauso schwarz und genauso dicht war wie vor dem Anpfiff. Der Trainer des FC Schalke 04 hatte sich ein wenig gesorgt um Farbe und Fülle seines Haares. "Wenn man sieht, was in der zweiten Halbzeit passiert, werden einem die Haare grau, oder sie fallen aus", sagte Stevens nach dem Spiel in Köln. Den Schalker Fußballprofis indes müsste es schwerfallen, nach ihrer nicht nur vom Ergebnis her dürftigen Leistung in den Spiegel zu sehen. Beim 1:1 gegen den Tabellenletzten hatten sie jedes Risiko vermieden. Sie wirkten so teilnahmslos, als hätte ein hochdosiertes Beruhigungsmittel mit neunzigminütiger Wirkungsdauer ihnen jede Aggressivität genommen.

Zum Thema Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen
Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Kapitän Tomasz Waldoch führte die kollektive Müdigkeit auf eine "vorübergehende Störung des Unterbewusstseins" zurück. Einige Spieler hätten wohl angenommen, der Sieg falle ihnen von selbst zu, ohne dass sie sich besonders dafür anstrengen müssten. Die Ergebnisse des Vortages waren günstig für den Tabellenvierten gewesen. Der Zweite, Borussia Dortmund, hatte verloren, der Dritte, Bayern München, nur einen Punkt erreicht. Wer sollte die Schalker daran hindern, auf Platz drei vorzurücken? Etwa der 1. FC Köln? Diese Variante kam eigentlich nicht Frage.

Die Schalker wussten die Vorlagen der Mitbewerber aus der Spitzengruppe jedenfalls nicht zu nutzen. Merkwürdigerweise haben sie es nicht einmal versucht. So grämte sich Stevens nicht allein über das am Ende schmeichelhafte Ergebnis, sondern vor allem über "die Art und Weise", wie es zustandekam. Unter Verzicht auf jedweden Tempo- und Angriffsfußball verließen die Schalker sich auf ein Motto, das aus Köln stammt. "Es ist noch immer gut gegangen." Anfangs schien ihr Laissez faire sogar zum Erfolg zu führen. Ebbe Sands Zufallstor fünf Minuten vor der Pause zeigte, dass es nicht immer der Wille sein muss, der Berge versetzt. In der zweiten Halbzeit korrigierte Dirk Lottner mit dem Ausgleichstreffer das Zerrbild, das durch Sands Führungstor entstanden war.

Schalke fehlte es an Kämpfernaturen, wie sie der 1. FC Köln in Lottner und Cichon besaß, die unverdrossen jedem Ball nachjagten. Vielleicht hat den Schalkern aber auch nur das Baustellenambiente des Stadions nicht gelegen. Die vorübergehend offene Südseite gibt den Tribünen die Form eines gewaltigen Hufeisens. So etwas sind die Gelsenkirchener nicht gewohnt, und Glück hat es ihnen auch nicht gebracht. "Man hat nicht jedes Mal das Glück, in den letzten Minuten noch ein Tor zu schießen", sagte der Schalker Torwart Oliver Reck. Genau diese Gabe hatte ihm und seinen Kollegen in vorangegangenen Spielen über mache Verlegenheit hinweggeholfen. Im Kölner Hufeisen indes fühlten sie sich nicht inspiriert, das Schicksal zu zwingen. "Weil die Tribüne da hinten fehlt, hatte das Ganze vielleicht ein bisschen den Charakter eines Freundschaftsspiels", sagte Andreas Möller. Während der Mittelfeldstratege zum Scherzen aufgelegt war, behauptete sein stürmender Kollege Ebbe Sand allen Ernstes, dieses Unentschieden sei "kein Rückschlag" gewesen. "Wir haben gegenüber Dortmund einen Punkt aufgeholt." Wie Spaß und Ernst hat sich an diesem Tage alles neutralisiert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben