Sport : Stoibers brasilianischer Freund

Giovane Elber war oft beleidigt, jetzt macht der Stürmer seinen Frieden mit dem FC Bayern – und bekennt sich zu seiner Wahlheimat

Helmut Schümann

München. Einen Salat hat sich Uli Hoeneß kommen lassen, oben in seinem als Bauernstube eingerichteten Büro in der Säbenerstraße. Entspannt ist der Manager – wie auch nicht, wo doch sein FC Bayern München die Liga dominiert, regiert, domestiziert, und die Lockerheit weicht auch nur kurz, als der Besucher erzählt, er habe gerade mit Giovane Elber gesprochen. Da hebt sich die Augenbraue, und zwischen Zucchini und Maiskorn knurrt es halb belustigt, halb besorgt: „Und, ist er noch beleidigt?"

Oh ja, beleidigt, das allerdings war Giovane Elber zum Ende des abgelaufenen Jahres. Respekt sei ihm verwehrt worden, hatte er geklagt, vom Trainer, vom Management und auch von den Fans – nur weil er mal nicht mit der gewohnten Quote ins Tor traf. Zudem habe ihn die Münchner Journaille brüskiert, kritisiert und im Privaten rumgeschnüffelt – nur weil er mal nächtens im nicht ganz fahrtüchtigen Zustand hinterm Lenkrad erwischt worden war. Schnippisch war der Elber da gewesen – aber nun, so kann der Besucher dem Manager melden, ist alles wieder gut, Elber habe seinen Frieden wieder gefunden, „mir geht es sehr, sehr gut hier in München", hatte er gerade der „Zeit" ins Interview diktiert. Und Manager Hoeneß darf sich wieder dem Salat widmen.

Vorbei die Zeit, in der sich sein teurer Stürmer ein wenig der Lächerlichkeit preisgab, als er der unbotmäßigen Presse nur noch polyglott kam und die Fragen mal in Portugiesisch, mal in Spanisch, nie in Deutsch beantwortete. Am Ende hatte Hoeneß ernsthaft raunzen müssen: „Der soll sich nicht anstellen, der soll zuverlässig Fußball spielen, sein Gehalt kriegt er ja auch immer pünktlich.“ Giovane Elber, 29, nur manchmal brasilianischer Nationalstürmer, immer verkannt nach eigenem Empfinden, aber immerhin auch dienstältester Brasilianer in der Bundesliga, hat es sich offensichtlich zu Herzen genommen. Pünktlich zum Start der Rückrunde war er wieder wohl gelaunt, pünktlich zum Rückrundenstart traf er das Tor auch mal wieder. Mit dem Rücken hatte er am Sonntag zum Mönchengladbacher Kasten gestanden und doch gewusst, dass Borussias Torwart Stiel in die falsche Ecke flog – Elber bugsierte den Ball per Hacke in die richtige. Das macht nur, wer gut drauf ist.

Wäre ja auch zu blöde gewesen, sich nach neun Jahren Deutschland, insgesamt zwölf Jahren in Europa, verknatscht vom alten Kontinent zu verabschieden. Der Abschied indes, der hat gleichwohl begonnen, „ein Oktoberfest möchte ich noch miterleben, einen Winter sehen, aber dann ist Schluss". Geplant ist nach seinem Vertragsende bei Bayern 2004 noch ein lockeres Auslaufen in Spanien, dann aber die Umschulung ins Geschäftliche. In der Nähe seiner Heimatstadt Londrina besitzt er bereits eine Rinderfarm, ein etwas größeres Anwesen ist das, 5000 Viecher stehen derzeit dort auf den Weiden, „und wenn man die Zäune hintereinander aufstellt, dann reichen sie von München bis Nürnberg“.

169 Kilometer also, und dass Elber zur Veranschaulichung einen deutschen Vergleich wählt, darf man durchaus auch als Ausdruck seiner Verbundenheit werten. „Wenn man mich als deutschesten der Brasilianer bezeichnet, bitte schön, ich empfinde das als Kompliment.“ Und weil er das, mal abgesehen vom Wetter, alles ganz toll findet hier, Neuschwanstein, die Zugspitze, den Hamburger Hafen, die Stille (Die Stille? „Ja, die Stille, verglichen mit dem Lärm auf brasilianischen Straßen ist Deutschland das Land der Stille!“), weil es ihm also so gut hier gefällt, wird er auch im Alter Wohnsitz in Deutschland nehmen: „Im Sommer hier als Spielerberater, im Winter in Brasilien als Rinderzüchter.“

Derweil Landsleute wie Amoroso und Alves auch nach Jahren in Europa noch mit Regeln und Gesetzen hadern, hat sich Giovane Elber, Sohn eines – aha – Polizisten, eingefügt ins Deutschland-Klischee, nennt Weißbier sein liebstes Getränk, preist die Kleidsamkeit seiner vier Lederhosen und Sauberkeit sowie Disziplin und natürlich auch Landesvater Edmund Stoiber („Ich hätte ihn gewählt“).

Vielleicht wird man so, wenn man mit 18 Jahren in die Schweiz kommt, in Stuttgart weiterwächst und in München erwachsen wird. „Herr Elber, sie sind ja deutscher als Mario Basler“, hatten die Interviewer gehöhnt. Und da lachte Elber, „ja, ja, mag sein“. Und ganz am Ende hat er sich auch noch den Respekt des Managers erobert. Elber, offensichtlich auch dem schwäbischen Imperativ verpflichtet, hat geschafft und Häusle gebaut, seiner Tochter (sechs Jahre alt) eins und seinem Sohn (drei Jahre) auch eins. „Dann können die sich später aussuchen, wo sie leben wollen, das ist schon jetzt eine Altersversorgung.“

Das hat Uli Hoeneß, sparsamer Schwabe von Geburt, dann ein versöhnliches, fast stolzes Lächeln abgerungen über seinen Stürmer: „Hoppla, das hätte ich ihm gar nicht zugetraut.“ Wahrscheinlich wird das letzte deutsche Jahr des Giovane Elber eine sehr harmonische Abschiedstournee.

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