Sport : Stollen gegen Ballack

Mourinho wittert eine Verschwörung

Steffen Hudemann[Bremen]

Bisher war der Abend gut verlaufen für Jose Mourinho. Seine Mannschaft hatte sich trotz des 0:1 in Bremen für die nächste Runde qualifiziert. Doch dann geriet der portugiesische Trainer des FC Chelsea in Schwierigkeiten. Ein Journalist hatte sich nach der Verletzung Michael Ballacks erkundigt. Es sei nichts Ernstes, sagte Mourinho, und wollte berichten, dass Ballack einen Stollen abbekommen habe. Doch das englische Wort für Stollen war ihm entfallen. „A..., a..., a...“, stammelte der Trainer, blickte sich ratlos um und formte mit seinen Fingern ein kleines Rechteck. Ein Reporter half: „A stud?“ – „Yes, a stud, thank you.“

Einem ausländischen Trainer sei verziehen, dass er nicht jedes Fachwort parat hat. Doch Mourinho ist nicht nur Perfektionist, er hat auch einen Spitznamen: „tradutor“ – Übersetzer. Seine Trainerkarriere begann der 43-Jährige als Dolmetscher und Assistent bei Bobby Robson, erst in Portugal, später beim FC Barcelona. Heute sagt Mourinho über Mourinho: „Erst kommt Gott, dann kommt Mourinho.“ Wer will da noch an Hiwi-Zeiten erinnert werden?

Am Mittwochabend sprach niemand den Trainer darauf an. Mourinho hätte wohl umgehend den Raum verlassen. So entwickelte sich die Pressekonferenz zum entspannten, aber unterhaltsamen Verschwörungstheorie-Seminar. Erst beklagte sich Mourinho, dass Bremen „mit fünf Spielern über zwei Meter“ aufgelaufen sei, da habe Chelsea keine Chance gehabt. Zudem ist der Trainer überzeugt, dass man ihm seinen Erfolg missgönnt. Wer weiß, was ihm als Übersetzer in Barcelona widerfahren ist, jedenfalls vermutet der Portugiese dunkle Anti-Mourinho-Kräfte im europäischen Verband Uefa, mutmaßlich gesteuert vom mächtigen FC Barcelona. Vorvergangene Saison war er auf die Tribüne verbannt worden, nachdem er Schiedsrichter Frisk und Barcelona-Trainer Rijkaard der Verschwörung bezichtigt hatte, jetzt verkörperte Lubos Michel das Böse. Obwohl Torsten Frings nur ausgerutscht war, hatte der Referee Werder einen Freistoß zugesprochen, der zur Ecke führte, die wiederum den Siegtreffer brachte. „Das war schon lustig, was Frings da gemacht hat“, sagte Mourinho. „Seitdem ich 2004 mit Porto die Champions League gewonnen habe, gibt es seltsame Entscheidungen gegen mich.“ Als sich dann jemand nach Ballacks Leistung erkundigte, sagte Mourinho, dass Ballack „schlecht gespielt“ habe und stellte umgehend eine Gegenfrage. „Warum fragen sie nach Ballack? Sie sollten fragen, warum der Schiedsrichter beim Freistoß seinen Linienrichter überstimmt, obwohl er 30 Meter weiter entfernt steht.“

Das Spiel bot auch Stoff für Verschwörungstheoretiker in Barcelona. Das Ergebnis in Bremen war ganz in Mourinhos Sinne, sein Team war in der Schlussphase erstaunlich passiv. Chelsea ist trotzdem in der nächsten Runde, und Barcelona muss das Ausscheiden fürchten.

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