Sport : Stolpersteine neben dem Eis

Die Ukrainerin Sawtschenko soll den deutschen Paarlauf retten – und muss sich erst einmal mit den Behörden arrangieren

Frank Bachner

Berlin. Irgendwie hatte Aljona Sawtschenko die entscheidende Botschaft dann doch mitbekommen. Darauf kam es ja letztlich an. „Aber viel verstanden hat sie nicht“, sagt Ingo Steuer. Er kann nur gebrochen Russisch, Sawtschenko spricht Ukrainisch, dementsprechend verlief das Telefongespräch. Aber Aljona Sawtschenko wusste, dass Ingo Steuer dieser Eiskunstlauftrainer aus Chemnitz in Deutschland ist, und dass es eigentlich nur einen Grund für seinen Anruf geben konnte: Er wollte sie nach Deutschland holen. Die Eiskunstläuferin Sawtschenko hatte sich schließlich per E-Mail ausgewählten Experten weltweit als Paarläuferin angeboten. „Suche neuen Partner, mein bisheriger Partner Stanislaw Morosow ist zu pausbäckig und zu verletzungsanfällig geworden“, so ungefähr hatte sie geschrieben.

Im Eiskunstlauf gibt es so etwas wie eine weltweite Partnerbörse. Das klingt natürlich ein bisschen nach Heiratsmarkt, ist aber eine seriöse Angelegenheit. Die 19-Jährige hatte auch mit einem tschechischen Trainer Kontakt, aber sie kam dann im Frühsommer 2003 doch lieber zum Probetraining nach Chemnitz. Dort überlegte der Paarläufer Robin Szolkowy schon länger, ob er aufhören sollte. Er hatte seine Partnerin Claudia Rauschenbach verloren, jetzt schlug er als Formationstänzer die Zeit tot. Er benötigte also dringend eine Partnerin, und der Chemnitzer Trainer Steuer wusste sofort, „dass ich bei Aljona zuschlagen musste“. Wer zögert schon bei einer, die 2000 Junioren-Weltmeisterin und 2001 EM-Sechste wurde? „Sie ist eine ideale Paarläuferin“, sagt Steuer.

Nach sechs Monaten Training wurden Sawtschenko/Szolkowy in Berlin Deutsche Paarlauf-Meister. Anschließend verkündete Volker Waldeck, Preisrichter und Präsidiumsmitglied der Deutschen Eislauf-Union (DEU): „Aljona ist ein Juwel, eine der weltbesten Paarläuferinnen.“ Endlich jemand, der die deutsche Krise im Paarlauf beenden kann. Aber die deutschen Gesetze sorgen dafür, dass dies nicht so einfach ist. „Es ist eine enorme Aktion, eine Osteuropäerin nach Deutschland zu holen“, stöhnt Steuer. Die Ukrainerin benötigte erst mal „viel Geld, um überhaupt in Deutschland trainieren zu dürfen“ (Steuer). Das Geld hatte sie natürlich nicht. Die Summe überwiesen ihr der klamme Verband und die Deutsche Sporthilfe. Und ihre Aufenthaltsgenehmigung läuft zunächst bis Januar 2004. Der Verband ist jetzt dabei, das Visum zu verlängern. „Es ist dafür gesorgt, dass der Aufenthalt in Deutschland erst mal gesichert ist“, sagt Waldeck. Außerdem bemühen sich Funktionäre um die Einleitung eines Einbürgerungsverfahrens. Dazu muss Sawtschenko aber ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache nachweisen und mindestens drei Jahre in Deutschland leben. Aber bis dahin muss sie natürlich von irgendetwas leben. Also greift jetzt der sächsische Landesverband mit Geld ein. Außerdem sponsert auch Steuers Chemnitzer Verein noch die Eiskunstläuferin.

Ingo Steuer hat ihr auch eine Wohnung besorgt, aber „mit dem anderen Papierkram möchte ich nichts zu tun haben“. Er ist ja schließlich kein Verwaltungsexperte, sondern Trainer. Und der Trainer Steuer ist „nicht überrascht, wie gut sie ist“. Die 19-Jährige ist nie solo gelaufen, das „ist ganz bedeutsam“, sagt Steuer. „Mandy und ich haben auch in relativ kurzer Zeit die Welt eingerissen, weil wir Paarläufer waren.“ Mit Mandy Wötzel wurde er 1997 Paarlauf-Weltmeister.

Sawtschenko jedenfalls darf von Herbst 2004 an bei Europa- und Weltmeisterschaften für Deutschland starten, die Freigabe durch den ukrainischen Verband hat sie bereits. Und wenn sie zudem noch rechtzeitig den deutschen Pass besitzt, dann darf sie sogar bei den Olympischen Spielen 2006 antreten. Dann kann sie mit Sicherheit so gut Deutsch, dass ein paar Probleme, die jetzt noch auftauchen, Geschichte sind. „Im Moment versteht sie nur jedes fünfte Wort von mir“, sagt Robin Szolkowy. „Manchmal reden wir eine Stunde lang, um uns über einen ganz bestimmten Punkt zu verständigen. Und dann merken wir, dass wir die ganze Zeit das Gleiche gemeint haben.“

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