Straßenrad-WM : Tony Martin verpasst WM-Titel im Zeitfahren

Radsportler Tony Martin fährt bei der WM im Einzelzeitfahren hinter Bradley Wiggins auf Platz zwei. Für den Deutschen ist das nach dreimal Gold in Folge eine Enttäuschung.

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Verkalkuliert. Tony Martin war sehr selbstbewusst an den Start gegangen, doch am Ende fand er seinen Meister in Bradley Wiggins. Foto: dpa
Verkalkuliert. Tony Martin war sehr selbstbewusst an den Start gegangen, doch am Ende fand er seinen Meister in Bradley Wiggins.Foto: dpa

Siege sind nicht immer planbar. Diese Erfahrung hat bei der Rad-Weltmeisterschaft in Ponferrada auch der dreifache Titelträger Tony Martin machen müssen. Nach drei Weltmeistertiteln hintereinander musste sich der Thüringer im Einzelzeitfahren wie schon bei Olympia Bradley Wiggins beugen. Der Brite gewann mit 26 Sekunden vor Martin und 40 Sekunden vor dem Holländer Tom Dumoulin. „Ich bin keine Maschine“, sagte Martin. „Natürlich bin ich tief enttäuscht über die Niederlage. Aber ich weiß, wie sie zustande kommt. Ich habe mich wie schon beim Teamzeitfahren etwas müde gefühlt.“ Trost spendete ihm allein der Gedanke, dass er noch nicht am Ende seines Leistungsvermögens angekommen ist. „Ich habe heute nicht das Optimum herausgeholt. Ich weiß, dass ich mehr kann und will mir nächstes Jahr das Trikot wiederholen“, sagte er mit fester Stimme.

Selbst wenn es dieses Mal nur Silber für Martin war: Der Medaillendetektor ist für den BDR bisher mächtig angeschlagen in Ponferrada. Es gab zuvor schon Gold und Bronze für deutsche Profis beim Teamzeitfahren und Doppelgold für den Junior Lennard Kämna und die Profiathletin Lisa Brennauer in den jeweiligen Klassen beim Einzelzeitfahren. Die exzellente Ausbeute droht allerdings in ein Wahrnehmungsloch zu fallen. Denn die WM hält nicht einmal der Spartensender Eurosport für übertragenswert.

Martin selbst kennt das Dilemma. Seine besten Sportlerjahre fallen ausgerechnet in die Zeit, in der sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen aus der Liveberichterstattung des Straßenradsports zurückgezogen hat. Auch sein packender Zweikampf mit Wiggins fand weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Bei der ersten Zwischenzeit nach 12,2 Kilometern lag er noch vorn. Standesgemäß, dachte man, selbst wenn der Vorteil nur winzige vier Sekunden betrug. Bei der zweiten Zwischenzeit bei 23,2 Kilometern lag er dann zwei Sekunden hinter dem Briten. Macht der das spannend, mochte man da denken. Doch Martin hatte an diesem Tag einfach nicht mehr zum Zusetzen. Bei der dritten Zwischenzeit war Wiggins neun Sekunden schneller. Im Ziel hatte er den Vorsprung auf 26 Sekunden ausgebaut.

Bradley Wiggins hatte am Ende mehr zuzusetzen

Martin hatte sich verkalkuliert. Er wollte sich die Kräfte für den finalen Aufstieg gut einteilen. Aber Wiggins, Toursieger 2012 und der bessere Bergfahrer, sorgte hier für den entscheidenden Unterschied. „Ich habe mir erst auf dem Berg die Zwischenzeiten geben lassen. Ich wollte mich nicht beunruhigen lassen. Und ich dachte vorher, wenn ich am Berg zehn Sekunden vor Tony liege, schieße ich auf mich“, erzählte der Brite. Er erschoss sich nicht, sondern beschleunigte noch mal.

Martin war im Gegensatz zu seinem Kontrahenten die ganze Zeit über die Abstände informiert. „Aber auch ich habe mich nicht verrückt machen lassen davon. Ich habe mein Programm durchgezogen und wusste, auch als ich zurücklag, dass das Rennen noch nicht entschieden war.“

Am Ende war der Abstand jedoch deutlich. Paradoxerweise könnte die überraschende Niederlage im Rahmen einer Trendwende erfolgt sein. Die ARD denkt intensiv über einen Wiedereinstieg in die Liveberichterstattung nach. Der Rennstall von Sprintstar Marcel-Kittel und WM-Straßenrennen-Mitfavorit John Degenkolb hat im nächsten Jahr mit Alpecin einen deutschen Hauptsponsor. Auch das zweitklassige Team Netapp geht als Team Bora unter deutscher Flagge in die kommende Saison. Das alles garantiert mehr Aufmerksamkeit. Dann auch für Tony Martin, den Pionier, der immer dann gewann, wenn das deutsche Fernsehen nicht dabei war – und der auch die Niederlage im medialen Schatten tapfer ertrug.

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